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10 Fragen an Sabine Scholl


Meine Reihe 10 Fragen ruhte eine längere Zeit. Aber durch Zufall traf ich auf eine Schriftstellerin, deren Bücher ich sehr schätze. Und prompt erwachte meine Neugier darauf, wie sie wohl schreibt und lebt. Wie sie beides vereinigt. Wenn ich auf Lesungen bin, möchte ich die Autor*innen am liebsten immer solche eher privaten Fragen fragen: Wie schreibst Du? Wo? Knabberst Du dabei? Schaltest Du das Internet aus?
Die Österreicherin Sabine Scholl beschäftigt sich mit feministischen und politischen Themen auf literarische Weise, auf eine Weise, die nicht immer nur, aber auch, Spaß macht zu lesen. Ihre Bücher können wie eine Axt sein, die einen aus der Bequemlichkeitszone holen und darüber hinaus lernt man immer sehr viel. Sie regen zumindest mich dazu an, weiter zu forschen, weiter zu denken, mir Fragen zu stellen, zu recherchieren. Sie spielen an spannenden Orten, die Protagonisten sind spannende Frauen, was sicherlich auch daran liegt, dass Sabine Scholl, eine spannende Frau, selbst an vielen verschiedenen Orten gelebt hat und sich mit der weiblichen Seite ihrer eigenen Familiengeschichte stark auseinandergesetzt hat. Ihre Bücher verfolgen konsequent eine weibliche Perspektive, etwas, das selbst bei Büchern von Frauen nicht selbstverständlich ist. Die Welt der Literatur ist männlich geprägt. Frauen, wenn sie darin Erfolg haben möchten, passen sich an. Bewusst oder unbewusst. Bei Sabine Scholl habe ich nicht das Gefühl, dass sie dies tut. Sie setzt sich mit aktuellen Themen und News literarisch auseinander. Somit haben ihre Werk stets auch eine gesellschaftliche Dimension, die, so mein Eindruck, bewusst von ihr einbezogen wird.

(c) Uta Tochtermann
Sie hat in diesem Jahr den Anton-Wildgans-Preis für Literatur erhalten. Preisträgerinnen vor ihr waren unter anderem Ingeborg Bachmann (in deren Erbfolge ich sie durchaus sehe), Robert Seethaler oder Friederike Mayröcker. Peter Handke hat den Preis übrigens abgelehnt.
Ihre neuesten Bücher werden bei Secession publiziert. Auf meinem Blog besprochen habe ich bislang Die Füchsin spricht und Wir sind die Früchte des Zorns. Ihr neues Buch Das Gesetz des Dschungels, welches sich mit Kolonialismus, und inwiefern er auch heute noch stattfindet, vor allem aber mit der Suche nach Heimat, auseinandersetzt, ist gerade erschienen und liegt bereits auf meinem SuB. Ich freue mich darauf.

1. Wo schreiben Sie am liebsten?
im bett. am sofa. im liegestuhl. nachdem ich jahrelang unter rückenschmerzen litt, habe ich den schreibtisch verlassen und verfasse meine texte jetzt im liegen.

2. Gibt es eine Art Routine, ohne die nichts geht? Also, wie sieht ein normaler Schreibtag bei Ihnen aus?
ich kann nicht schreiben, wenn es zu viel lärm um mich herum gibt. zu viel aktivität von anderen menschen. ich brauche weitgehend ruhe und eine ungestörte umgebung. nur so kann ich in gedanken und gefühle tauchen.
am besten beginne ich damit früh am morgen. gleich nach dem aufstehen, um die verbindung zum unbewussten zu halten, die nachts, in träumen hergestellt wird. und je frischer mein geist, desto besser gelingen konzentrierte texte in kurzer zeit. sobald die konzentration nachlässt, folgt lektüre oder korrekturen oder korrespondenz. danach bewegung, rausgehen, radfahren, schwimmen oder so. später nochmal lektüre oder bürokram. abendessen kochen
und dann schluss.

3. Wie finden Sie das Thema für ihr jeweils nächstes Buch?
tatsächlich ist es so, dass die geschichten mich finden. ich bin ziemlich offen, eine gute zuhörerin, eine begeisterte rechercheurin und so jongliere ich meist verschiedene bälle , bis mich ein thema vollends trifft. dann gibt es kein entkommen mehr, auch wenn ich manchmal möchte, aber eigentlich habe ich gar keine wahl, ich muss dann, wenn ich gepackt bin, an diesem thema arbeiten.

4. Schreiben Sie gerade an etwas?
ich schreibe so gut wie immer an etwas. ausser, ich bin auf reisen. dann mache ich nur notizen.

5. Was lesen Sie momentan?
ich habe den feministischen science-fiction-roman “die gabe” von naomi alderman und die überlegungen von ilija trojanow “nach der flucht” gelesen.

6. Gibt es ein Buch, welches Ihr Leben verändert hat?
nicht ein einziges, sondern viele. von kind auf schon war lesen mein überlebensmittel.
hier ein paar beispiele aus vergangenheit & gegenwart:

rene char: aufzeichnungen aus dem maquis
djuna barnes: nightwood
clarice lispector: die sternstunde
virginia woolf: tagebücher
caetano veloso: alle lieder
oskar pastior: gedichte
dubravka ugresic: baba jaga legt ein ei
mathias enard: kompass
carmen maria machado: her body and other parties

7. Wenn Sie absolut frei wären, wo würden Sie leben wollen?
das land, in dem ich leben wollte, müsste ich mir aus den angenehmen seiten der länder, in denen ich bisher gelebt habe, zusammenstellen, es würde also eine utopie sein, denn es gibt kein einziges land, in dem alles nur positiv ist.

8. Was ist Fremde für Sie?
fremde ist das, wo ich immer wieder gern hineingehe, um was neues zu erfahren und mich selbst in neuer umgebung neu zu erfahren.

9. Fällt Ihnen das Schreiben leicht oder schwer?
mit den jahren fällt es mir immer leichter.


10. Was ist Freiheit für Sie?
freiheit kann vieles bedeuten. treffe ich menschen, die aus diktaturen kommen und die für ihre arbeit verfolgt werden, wird mir klar, wie rasch freie meinungsäusserung gefährlich werden kann. da ich selbst sehr unfrei aufgewachsen bin, schätze ich die freiheit des lebens in einer westlichen grossstadt sehr. verglichen zu frauenleben in vielen ländern, in denen ich auch gelebt habe, fühle ich mich als frau in berlin frei und das ist toll. bald werde ich  von der täglichen pflicht, für zwei kinder zu sorgen, befreit sein. da bin ich gespannt, wie sich dadurch mein leben verändern wird.


Ganz herzlichen Dank an Sabine Scholl!

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