Berlin

Berlin

Freitag, 23. August 2013

Mein Bild vom Paradies ist zu klein für die Welt, Mist!



nicht jeder entsteint Kirschen im Paradies 
Seit zwei Jahren habe ich einen Garten. Dieser Garten ist für mich ein Paradies. Ich habe eine relativ enge Vorstellung davon, wie ein Paradies zu sein hat: Nacktschnecken in der taufeuchten Wiese, Kirschen pflücken und danach Marmelade davon machen, in der mittlerweile von der Sonne getrockneten Wiese liegen und den Schleierwolken beim Treiben über einen makellosen Himmel zuschauen, Sternschnuppen, Feuer machen, schwimmen im See, Johannisbeeren, blaue Schmetterlinge auf meinen weißen Thymianblüten, im knalle Sonnenschein auf der Terrasse Sauerkirschen entkernen, im Bikini, weil sonst alle Klamotten versaut wären, sich danach mit dem Schlauch abspritzen und juchzen, Libellen, Pflaumen, tagelang nicht duschen und es ist irgendwie auch egal, dass man stinkt, weil stinken in diesem Garten keine nahe liegende Kategorie ist….ich könnte ewig weiter Dinge aufzählen, die das Paradies für mich paradiesisch sein lassen, die dafür sorgen, dass ich jedes Mal heulen könnte, wenn ich von dort wieder weg in die Stadt muss. Versteht mich nicht falsch, ich mag die Stadt irgendwie auch, aber die Komplexität des Lebens, das man dort leben muss, überfordert mich zunehmend und ist in meiner Vorstellung von Paradies nicht enthalten. 
Ich bin anfällig für das paradiesische. Ich ignoriere alles, was meine Paradieswahrnehmung vom Leben trübt mit einem hohen Aufwand an Disziplin. Ich habe auch eine für mich gültige, stimmige Kurztheorie entwickelt, um zu erklären, warum das Paradies paradiesisch ist: Weit ab von jeder Zivilisation (wir haben dort auch kein Klo, müsste ich an diesem Punkt noch erwähnen, also schon ein Klo, aber keins mit Wasserspülung, sondern ein Torfklo, auf dessen Einzelheiten ich hier aus ästhetischen Gründen nicht eingehen möchte. Es gibt jedoch, das fanden wir in diesem Sommer heraus, ein sehr sauberes und angenehmes Klo beim kleinen Bäcker mit Kaffeeausschank am Marktplatz, mit Wasserspülung und tollen Kacheln an den Wänden. Für manche Mitglieder unserer Kleingruppe war Wasserspülung wichtig, die gingen dann sehr häufig zum Bäcker, tranken Kaffee und benutzten das Klo. Auf meine Frage, ob es dort auch eine Badewanne gäbe, eine Sauna, Wellnessmassage… trafen mich leere Blicke, naja, es gab allerdings Pflaumenkuchen und ich muss sagen, er war nicht so gut wie das Klo, aber akzeptabel ), ich schweife ab: weitab von unserer Zivilisation kommt man zu sich selbst und wird irgendwie ein wenig mehr zu der Person, die man unter all den Fassaden wirklich ist. Es hat mit Freiheit zu tun, sich gehen lassen, nicht funktionieren müssen. Man lässt sich treiben im Fluss des Lebens und kommt zu sich selbst. Ich bin drei Minuten dort und in der Regel tiefenentspannt, bevor ich das erste Schloss unserer Tür geöffnet habe. Ich muss nur eins meiner Beete anschauen, feststellen, dass die Schnecken leider mal wieder meine ganze Kürbisernte an sich gerissen haben, während das erste Insekt an meinem Ohr vorbei summt, und schon bin ich glücklich.
Drei Jahre war diese Tiefenentspannung perfekt und nahm im Grunde bei jedem Besuch noch zu, so dass ich in besonders verwegenen Momenten plante, einfach nie wieder zurück zu kehren in mein normales Leben und anstatt dessen Marmelade einzukochen und ein einfaches Landleben zu führen, inkognito.
In diesem Sommer allerdings bekam das Paradies einen herben Schlag versetzt. Die Realität drang ein. Eines Nachts saßen wir noch spät auf der Terrasse, stierten in den Himmel, zählten Sternschnuppen, tranken Bier und zählten die Flaschen nicht ganz so akribisch wie die Sternschnuppen, als Hundegebell uns aufschreckte, gefolgt von einer Männerstimme: „Komm raus, wenn wir dich kriegen, wirst du deines Lebens nicht mehr froh, wir rufen gleich die Polizei…“ ,dann einer Frauenstimme: „Hast du das Schwein?“
Wir schauten uns einigermaßen irritiert an. So etwas hatte ich im Garten und auch sonst wo noch nie erlebt. „Vielleicht jagen die einen Fuchs“, schlug ich vor.
„Wieso sollten die einem Fuchs mit der Polizei drohen?“ erwiderte Armin.
Das war ein guter Punkt.
Zwei Uhr nachts. Die Jagd ging noch eine ganze Weile weiter, kreuz und quer durch die Gartenanlage, die zu einem großen Teil leer steht, viele der Hütten verfallen, die Gärten verwildern, was einen Teil der paradiesischen Atmosphäre ausmacht, man hat im Grunde kaum Nachbarn, aber plötzlich hatte gerade das auch eine gespenstische Note.
Wir saßen mucksmäuschenstill auf unserer Terrasse, manchmal kicherten wir, Hörkino, ein Phantom wird gejagt. Man hörte niemanden davon rennen, niemand kroch durchs Gebüsch, man sah auch niemanden, und dennoch verfolgten die Verfolger hartnäckig was auch immer durch die Nacht, sehr ausdauernd. Der Strahl ihrer Taschenlampe schwirrte hektisch durch die Dunkelheit. Schüsse von einem Luftgewehr knackten. Ich lauschte und beschloss irgendwann, dass die Jäger das Jagen mochten, die Idee, einen Verbrecher, Täter, Feind zu verfolgen. Es gab diesen menschlichen Drang, das im Außen zu jagen, was man selbst dorthin projiziert hatte. Ich glaube, das ist der hauptsächliche Grund für Feindschaften aller Art. Das war ein tiefer bierseliger Gedanke und weiterhin machte ich mir keine Gedanken mehr darüber. Denn in meiner Vorstellung gibt es in diesem Garten niemanden, den man verfolgen müsste. Er ist das Paradies. Ich erwähnte es bereits. Und meine Vorstellung von einem Paradies enthält weder Gejagte, noch ernsthafte Jäger.
Die feindlichsten Wesen, denen ich bislang dort begegnet war, waren Wespen, die mich auch regelmäßig attackiert und an allen möglichen Stellen vom Kopf bis zu den Füßen gestochen hatten. Aber da ich nicht allergisch reagiere und der Schmerz bei mir nach zehn Minuten wieder abklingt, konnte ich mit diesem Feind Nummer eins gut leben.
Feind Nummer zwei sind natürlich Zecken. Von denen hatte ich schon welche an Körperstellen, die ich hier jetzt nicht erwähne. Schlimmer finde ich persönlich es, wenn sie meine Kinder attackieren. Aber auch da kann ich einigermaßen drüber hinwegsehen. Wir haben eine Zeckenkarte, mit der Martin sehr gut umzugehen weiß, und ich ignoriere Borreliose. (Ja, ich habe eine Tendenz, alles zu ignorieren, was nicht in mein Glückseligkeitsbild passt. Warum auch nicht? Oder soll ich wie eine meiner ältesten Freundinnen werden, die ganze Regionen der Erde (Schweden, Brandenburg, um nur zwei zu nennen) nicht mehr betritt aus Angst vor Zeckenbissen? Ich möchte auch nicht wie meine Mutter werden, die in ihrer Wohnung in einer rheinischen Kleinstadt kugelsicheres Glas in ihre Fenster hat einbauen lassen aus Angst vor Verbrechern. Somit ist mein Hang, zwanghaft ein Paradies zu haben, auch schon psychologisch erklärt, ha.)  
Feind Nummer drei sind Mücken, harmlos eigentlich, aber beim circa zweihundertsten Mückenstich, zum Beispiel an der dünnen Haut der Fußknöchel, da vermute ich, flippt vielleicht sogar der Dalai Lama aus. Ich jedenfalls flippe aus.

Früher hatte ich trotzdem manchmal, nachts, Angst im Garten. Denn als Kind lag ich am Freitagabend immer bäuchlings vor der halb geöffneten Wohnzimmertür meiner Großeltern und guckte heimlich Aktenzeichen XY mit (meine Mutter saß im Sessel neben meinem Großvater und ich vermute, da könnte ein Kausalzusammenhang existieren zum kugelsicheren Glas). Da konnte man was lernen über die Menschen und wie sie mordeten (mit Besteck zum Beispiel und indem sie nachts in Wohnungen und Häuser eindrangen, in denen hilflose Frauen alleine sehr sehr ahnungslos schliefen).
Nach zwei Jahren Gartenglück habe ich diese Angst aber schon lange wieder abgelegt, weil ich lieber den Grillen lauschen möchte, oder der Nachtigall, als den Schritten potenzieller Mörder, die dann später via Aktenzeichen XY gesucht werden.  Okay, ich gebe zu, die Angstfreiheit, vor allem, wenn ich allein im Garten war oder allein mit den Kindern, die habe ich mir erarbeiten müssen. Wenn man aus einer Familie kommt, deren Mitglieder schon gegen halb vier Uhr nachmittags alle Türen und Fenster verriegeln, weil es dämmert, lebt man tendenziell eher in einem von Feinden besetzten Universum. Sehr sehr unbequen, ein solches Universum. Es beinhaltet für meinen Geschmack zu viele Einschränkungen.

Am letzten Wochenende war ich dann wieder im Garten. Bei meinem Abendspaziergang traf ich auf ein Paar, das am Wegesrand Mirabellen pflückte. Wir kamen ins Gespräch und schnell stellte sich heraus, dass sie „die Jäger“ gewesen waren. An dem Punkt wollte ich eigentlich gleich weiter gehen, weil ich schon am dramatischen Zucken im Auge des Mannes erkannte, dass er mir keine Informationen geben würde, die meiner Glückseligkeit in irgendeiner Weise zuträglich sein würden.
Und genau so war es dann auch: während sie meine Tochter mit Mirabellen abfüllten, schilderten sie mir in dramatischen Farben einen Garten, in dem es von Einbrechern nur so wimmelte und im besagten Fall war es vermutlich ein Pädophiler gewesen, der sich an ihre Kinder heran machen wollte. Er hatte an die Scheibe der Hütte geklopft, in welcher die Kinder alleine einen Film schauten (warum Kinder um zwei Uhr nachts noch einen Film schauten, wurde nicht weiter erörtert, ging mich ja auch nichts an im Grunde, das Gespräch drehte sich nicht um Pädagogik sondern um Verbrechensbekämpfung). Die Kinder jedenfalls riefen erschrocken bei den Eltern in der Nachbarhütte an, die dort grillten (um 2 Uhr nachts?????, o.k. ich habe einen Hang, bei mir unangenehmen Themen Fragen zu stellen, auf die sonst niemand käme). Diese liefen sofort hinüber und hörten, wie jemand im Gebüsch hockte und keuchte (an dieser Stelle lief mir schon ein kalter Schauder über den Rücken und ich fühlte mich in die Welt meiner Kindheit zurück versetzt, aber ich fragte mich doch auch, warum er dort hockte und nicht einfach davon lief, heraus aus der nach allen Seiten hin vollkommen offenen Gartenanlage, warum ließ er sich stundenlang durch die Gärten jagen, wenn er längst im nächsten Feld hätte verschwinden können?). „Klar, wer keucht da rum, ist doch klar. Das muss ein Pädophiler gewesen sein, oder wer soll das sonst gewesen sein?“ Das Zucken im Auge des Mannes hatte etwas leicht fanatisches. Macht mich nervös, so was, ich gebs zu.
„Ein Fuchs?“ schlug ich also vor und musste gleichzeitig daran denken, wie im letzten Sommer die Kinder mich mitten in der Nacht panisch weckten, weil angeblich jemand unter ihrem Fenster ganz laut keuchte. Ich wollte eigentlich nicht nachschauen, aber ich war ja die Erwachsene, also, die Mutter. Folgerichtig musste ich mich tapfer verhalten und leuchtete mit meiner Taschenlampe und einem ziemlich klopfenden Herzen aus dem Fenster. Was ich fand, und ich kann nur sagen, das Atmen war sehr laut und sehr beunruhigend, waren zwei Igel, die Nase an Nase in der Wiese saßen und sich offensichtlich unterhielten. Aber klar, Igel klopften nicht an Fenster, das musste sogar ich zugeben, Füchse vermutlich auch nicht.
Die beiden, also nicht die Igel, sondern das Paar, bewaffneten sich deshalb mit Luftgewehr und Taschenlampe und jagten den Hund hinter ihm her:
das ist Mopsi, er wohnt auch im Garten, aber nicht in unserem
“ Wir hatten ihn mehrfach fast, wir waren so nah an ihm dran, aber zum Schluss ist er uns doch entwischt, aber vorher hat er noch bei Marion eine Kettensäge geklaut.“ (Entschuldigung, aber ich muss jetzt noch mal eine Frage einschieben: Wofür hat Marion im Garten eine Kettensäge?)
Auch in Berlin wurden sie übrigens ihres Lebens selten froh, denn als sie noch in Kreuzberg lebten, schossen andauernd Leute aus ihren Autos heraus auf die Straße. (ähem, ich wohne auch in Kreuzberg und habe so etwas noch nicht erlebt). Seit sie in Reinickendorf leben, wird ihre Tochter von „Ausländern“ (Achtung, meine nächste Frage: Was wählen die wohl??? Ich habe da eine Ahnung.) angemacht, um den Block gejagt, bedroht. Meine Tochter läuft alleine durch Kreuzberg und wurde noch nie gejagt, angemacht oder bedroht. Ich selbst übrigens auch nicht. Weder von Ausländern noch von Deutschen. Ich zweifle all diese Erlebnisse gar nicht an. Vermutlich saß wirklich jemand keuchend neben ihrer Hütte und wurde von ihnen stundenlang gejagt. Vermutlich schossen vor ihrer Nase tatsächlich ständig irgendwelche Idioten aus ihren Autos heraus. Marion wird einen total nachvollziehbaren Grund dafür haben, dass sie im Garten eine Kettensäge hat (ich meine hatte, jetzt ist sie ja weg). Dennoch ging ich nachhause und fragte mich erneut, wie es möglich sein konnte, dass ich mit Menschen im gleichen Universum lebte und es dennoch ein völlig anderes war. Kennt jemand außer mir das Gefühl, ein Space Alien zu sein? Werde ich irgendwann von Scotty auf meinen richtigen Planeten gebeamt? Kann ich dorthin meinen Garten mitnehmen? Sollte ich vielleicht weniger auf mein Ego achten?
Hallo altes Haus, sagte ich zu meinem Garten, als ich ihn nach diesem für mich etwas kräftezehrenden Gespräch wieder betrat und war froh, seine vertrauten Züge zu erblicken. Tiefenentspannung kehrte zurück. Aber was mich dann wirklich geärgert hat, war die Tatsache, dass sie, sobald es dunkel wurde, wieder verschwand und ich mit unglaublich laut klopfendem Herzen die halbe Nacht wach lag und irgendwelche Geräusche hörte, die mir Angst machten. 
Es ärgert mich irgendwie auch, dass meine Theorie insofern zu stimmen scheint, als dass sich jeder in diesem Paradies entspannt (ich meine: total gehen lässt) und nicht bei jedem führt es dazu, dass er stundenlang Kirschen entkernt, manche streifen auch mit einem Luftgewehr durch die klare Sommernacht. 
Es hat mit Freiheit zu tun, sich gehen lassen, nicht funktionieren müssen. Man lässt sich treiben im Fluss des Lebens und kommt zu sich selbst. Seufz.

© Susanne Becker
Fotos by Armin Staudt

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen