Berlin

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Samstag, 14. Dezember 2013

Diary Slam (1) 2 Stunden später: bin immer noch stoned!

Heute hörte ich im Radio, dass es Diary Slams gibt. Da lesen die Leute nicht Gedichte, sondern aus ihren alten Tagebüchern öffentlich vor. Es gibt offensichtlich bereits eine Szene und sogar ein Buch, das heißt Ich glaube, ich bin jetzt mit Nils zusammen. Allein der Titel ist so gut, er könnte locker aus einem meiner Tagebücher stammen, nur dass ich keinen Nils kannte.
Die Betonung bei dem Ganzen liegt wirklich auf "alt". Fünfunddreißigjährige lesen aus den Tagebüchern vor, die sie als Vierzehnjährige voll geschrieben haben, vermischtes aus der Teeniezeit sozusagen. Es ist unangebracht, da sein Tagebuch aus dem letzten Jahr anzuschleppen. Denn das wäre vermutlich selbstmitleidig und todernst. O.k., das sind die aus der Teeniezeit auch, nur dass man dazu (hoffentlich) mittlerweile soviel Abstand hat, dass man die Komik in der Tragik erkennt und zu schätzen weiß.
Es gibt mittlerweile Tagebuch-Lesebühnen (so heißen sie wirklich! obwohl ich zugebe, dass ich mir dieses tolle Wort sehr gut gerade erst ausgedacht haben könnte) in Hamburg, Berlin, Köln und Frankfurt. Man kann auch Ausschnitte aus seinen Tagebüchern an die Organisatoren senden und somit versuchen, Eintrag der Woche zu werden, also mit seinem besonders coolen, originellen und witzigen Eintrag aus, sagen wir dem Jahr 1984, auf deren Website zu landen. Jeder kann sich bewerben für die Teilnahme bei den Slams.
Im Radio haben sie Ausschnitte aus der letzten Hamburger Lesung ausgestrahlt. Das war so witzig, ich fuhr gerade mit dem Auto von der Heinrich-Heine-zur Prinzenstraße, und habe mich auf dieser wirklich kurzen Strecke derart kaputt gelacht, dass ich aufpassen musste, nicht vor lauter Lachen in den vom Nebel lieblich illuminierten Gegenverkehr zu brettern. Eine Frau las sinngemäß folgendes vor: "Ich mag meine Familie nicht mehr. Am besten wäre es, nach England zu ziehen und bei Take That zu leben. Ich weiß einfach, dass sie mich verstehen würden - viel besser als meine Familie."
Und natürlich musste ich da auch sehr schnell an meine alten Tagebücher denken. Ich wollte allerdings nach Schottland, zu den Bay City Rollers, frei nach dem Motto "I only wanna be with you". Take That gab es zu meiner Teeniezeit noch gar nicht - woran man einmal mehr erkennen kann, wie alt ich schon bin (als würde die Gleitsichtbrille da nicht sowieso Bände sprechen).
Gerade schreibe ich an Band 155 meiner unendlichen Tagebuchreihe. Es gibt also ne Menge alter Tagebücher. Ich würde sagen, alle bis 1995 sind in meinem Fall alt, oder? Das wären dann so ungefähr 70 oder so (Ich glaube, ein paar habe ich vernichtet und ein halbes hat mein Exfreund vernichtet, weil es davon handelte, dass ich in einen anderen Jungen verknallt war und er hat das heimlich gelesen - was super war im Rückblick, denn jetzt habe ich ein ganzes Buch, in dem ich meine Strategien darlege, ihn zurück zu erobern, was mir schlussendlich auch gelang, aber dann bin ich umgezogen, nach Bonn, 60 km lagen zwischen uns, und da er mich "besitzen" wollte, ging es dann endgültig in die Brüche und er kam mit meiner damaligen fast besten Freundin zusammen). Mir kam der Gedanke, mich sofort am nächsten Diary Slam in Berlin zu beteiligen (entweder mit der Geschichte über das zerrissene Tagebuch oder aber mit meiner Beschreibung des Bay City Rollers Konzerts in der Düsseldorfer Philippshalle). Ich könnte bei der Masse der von mir gefüllten Heftchen und Bücher durchaus so eine Art Walter Kempowski der Diary Slammer werden, eine Chronistin der Generation, die sich auch mit 45 noch fühlt wie ein Teenager. Nie wieder aufhören zu lesen, unendliche Geschichten auf Lesebühnen vortragen (die Tagebücher, die ich gerade fülle, kann ich ja vorlesen, wenn ich 70 bin). Am Moritzplatz, während ich mich in den Kreisverkehr einfädelte, fiel mir dann auch mein eigener Blog wieder ein (hätte ich fast vergessen) und ich beschloss, dass ich mein Diary hier einfach selber slamme. Warum immer nur die lustigen Sprüche von Lilly posten. Ich habe selber auch lustige Sprüche auf Lager und  die halte ich seit Jahren schriftlich fest. Die aus dem halb zerrissenen Tagebuch serviere ich Euch mal als erstes. Band 12, 1982/83, in einem traumschönen chinesischen Notizbuch,(und das hat mir Moritz halb zerrissen!!!). Ich glaube, so eins kaufe ich mir nochmal. Die gab es damals immer in diesen Läden, in denen es auch Apfelparfümöl, Jasmintee, Räucherstäbchen und indische Blusen gab. Der, in dem ich regelmäßig Geburtstagsgeschenke für alle meine Freundinnen kaufte, hieß Magma und war in Opladen.

Magma Momente

29.8.1982
Wieder aus Dänemark zurück. Hier ist ein riesiges Loch in meinem Tagebuch, weil Moritz es in seiner wahnsinnigen Traurigkeit zerfetzt hat.
Und alles nur wegen eines Toms, in den ich mich in meiner Dämlichkeit verknalle, der zwar nett ist, an dem sonst aber auch nicht viel dran ist, um es mal grob auszudrücken.

30.8.1982
Gestern habe ich ihn wieder gesehen. Ich fuhr mit Gerlind durchs Bergische, da kam er uns entgegen. Es artete in einer kleinen Verfolgungsjagd aus. Jeder verfolgte jeden. Danach fühlte ich mich sehr gut.
Ich bin erwachsener geworden, ich merke es ganz deutlich. Wie ich diese Sache versuche zu bewältigen und wie ich es früher angestellt habe, gehörige Unterschiede. Ich kann warten, weil ich ihn liebe.
Ich glaube, er wollte mich besitzen. Aber mich kann man nicht besitzen.

31.8.1982
Do kanns zaubre von BAP. Niemals mit Moritz gehört, doch wenn ich es höre, denke ich absolut traurig an ihn. Denke sowieso ununterbrochen an ihn.
Ich habe körperliche Schmerzen. Ob sie Ausdruck meiner seelischen sind?

5.9.1982
Neuen Jungen kennen gelernt. Er heißt Erik. Wir haben im Endeffekt  siebenundzwanzigeinhalb Stunden gemeinsam verbracht, und es waren siebenundzwanzigeinhalb der besten Stunden seit Wochen.
Ich habe an Moritz eben einen Brief geschrieben. Ich fühlte mich unheimlich erleichtert und hatte erstmal das Gefühl, alles würde wieder gut. Aber es würde nicht alles wieder gut. Moritz ist so viel anders als ein Junge, der jetzt auch wieder diesen totalen Gefühlsschwall für Erik verstehen könnte. Ja, es ist nicht zu leugnen. Erik schießt mir den ganzen Tag durch den Kopf. Ich würde ihn gerne wiedersehen. Werde ich wohl auch.
Moritz würde schon wieder vor Eifersucht kochen. Wir könnten wohl nur glücklich zusammen werden, wenn er sich ändern würde.

6.9.1982
Ich habe heute die Bilder von Dänemark abgeholt. Ich habe Moritz zwei Bilder von sich und einem Motorrad geschickt, er hatte sie sich gewünscht und den Brief doch abgeschickt. Erik konnte mich für siebenundzwanzig Stunden aus meiner Apathie heraus reißen, aber jetzt ist sie wieder da.

Eben war Tom zum ersten Mal noch Mal bei mir. Ich habe den totalen Schreck bekommen und war die erste halbe Stunde nur nervös am Blubbern.
Was ist an dem dran, dass er mich immer wieder so fasziniert? Wahrscheinlich sein totaler Zynismus, der alles und jeden trifft.

7.9.1982
Ich weiß, es ging und geht mir noch nicht vollkommen schlecht. Es kann einem Menschen noch viel schlechter gehen.

19.9.1982
Warum kriege ich jetzt, nach dreieinhalb Wochen, plötzlich wieder einen totalen Heulkrampf, wenn ich an Moritz denke?
In der Gruppe, mit der wir jetzt die Schülerzeitung machen, ist ein Mädchen, das mich unheimlich fasziniert. Sie heißt Carola. Sie ist ein Mensch, mit dem ich Kontakt haben will, weil sie nicht nur redet, sondern auch etwas tut.
Moritz ist für 2 Wochen an der Ostsee. Die Leere ist jetzt noch viel größer, weil ich hingehen kann wo ich will, ich werde ihn auf keinen Fall treffen. Ich sehe aus und fühle mich wie das heulende Elend, wenn er mich so sehen würde, das wäre nicht gut.

25.9.1982
Als wen betrachte ich mich, seit mit Moritz Schluss ist? Ich habe das Gefühl, mich viel besser zu kennen....Ich akzeptiere mich mehr als jemals zuvor. Ich fühle mich so frei von allen Bindungen wie nie zuvor.

27.9.1982
Ich muss Moritz wieder sehen. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Ich will wieder mit ihm zusammen sein.

11.10.1982
Der Besuch von Moritz gestern hat mich total aufgewühlt. Denkdenkdenk! Es war teilweise so wahnsinnig gut. Ich spüre ganz deutlich eine riesige Chance, ihn zurückzugewinnen, aber will ich das wirklich?

12.10.1982
Mein Adrenalinstand steigt und steigt bei der Vorstellung, dass ich Tom tatsächlich anrufen könnte. U.a. hindernder Gedanke bei der Sache: Was würden Moritz und Lothar dazu sagen? Egal Egal Willst Du anrufen, Susanne, oder nicht?

Habe gerade angerufen. War im Bad, ruft zurück. Bibber Schlotter, hätte ich bloß nicht angerufen.

Weia, hat gerade zurückgerufen, kommt!

War da und es war irgendwie echt gut. Ich hab' ihm ganz kurz gesagt, dass meine Gefühle weg sind, dass sie nie so supertief waren. Habe ich ihn angelogen, um mein Image aufzumöbeln? Nicht auszuschließen! Wir haben uns viel über Politik unterhalten. Er hat da mehr meine Meinung als Moritz, das habe ich schon bei früheren Gesprächen bemerkt.

AaAAAAAAh, stellt euch vor, es wäre ein gellender Urschrei. Da erzähle ich groß einen von wegen "Gefühle sind weg", "waren nie so doll" etc. Schaub Lorenz. Ach wie neckisch, nu sind se leider wieder da, liebster Tom. Nicht, dass es mich todunglücklich machen würde, ich registriere es nur. Denke ständig an ihn. Macht aber nichts. Das ist nun seit fast einem Jahr sporadisch so und ich habe es überlebt....

15.10.1982
Warum geht alles schief? Weil sie nicht so deine Freunde sein wollen, wie du dir Freunde wünschst. Gegenseitige Freiheit, größtmögliche Offenheit, Liebe, keine Mauern... Scheiße, fühle mich heute absolut zum Kotzen. Will zu Moritz.

18.10.1982
Könnte es sein, dass es mit Moritz möglich wäre, eine total lockere Beziehung aufzubauen...und das einzige Tabu wäre halt, dass er mir nichts elementares mehr anvertraut. Denn er vertraut mir nicht mehr.

Es ist für mich eine der am härtesten erkämpften Erkenntnisse, dass man von nichts und niemandem außer von sich selbst etwas erwarten darf.

21.10.1982
Lothar und ich in den stinkenden Wupperwiesen. Romantisch, muss man sagen, doch! Lothar baut gerade was feines. So einen idyllischen Moment muss man festhalten.

ca. 2 Stunden später: bin immer noch stoned, muss gleich Nachhilfe geben, igitt!

28.10.1982
Ich habe zwei Stunden frei und sitze im Wupperpark. Ich denke immer wieder an tolle Momente mit Moritz. Hier waren wir oft zusammen. Ich sehne mich ständig nach ihm, aber sehe ihn kaum. Hat überhaupt noch etwas irgendeinen Sinn? Ich zweifle daran. Muss etwas einen Sinn haben, um Leben zu legitimieren?

3.11.1982
Prinzipien sind Scheiße. Das habe ich schon mal gesagt.

6.11.1982
Gestern war Moritz da. Gott war das toll. Ich wußt's ja, die Beziehung wird sich einspielen. Man darf nur nicht aufgeben.

8.11.1982
Heute gehts für drei Tage ab auf Exerzitien. Goldig. Lieber würde ich auf ne einsame Insel fahren als ins Kloster.

Wir sind jetzt in St. Augustin. "Alles etwas merkwürdig" wie Lothar es passend sagte.
Wenn ich die anderen reden höre und wenn das, was sie sagen, wirklich ihre Meinung ist, dann ist meine Denkweise, die wohl so ähnlich auch Lothars und Barbaras ist, wirklich sehr extrem. Ich glaube nicht an Gott und habe auch kein Interesse daran, den Glauben zu erlernen. Ich habe hier langsam das Gefühl, mich verteidigen zu müssen.

11.11.1982
Ich habe gestern aus Versehen zu meinem Relilehrer Herr Tröger "Du dumme Sau, verpiss Dich" gesagt. Heute gehts Gott sei Dank nachhause.




© Susanne Becker

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