Berlin

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Freitag, 10. Januar 2014

A.L. Kennedy "Das blaue Buch" - Buchbesprechung oder auch: Ich bin ein Fan der Langeweile

Ich hatte "Das Blaue Buch" von A.L. Kennedy bereits Weihnachten vor einem Jahr bekommen (oder war es sogar vor zwei Jahren?) und es lag eine Weile in meinem Regal und ich konnte mich nicht aufraffen, es zu lesen, weil ich ahnte, dass es keine leichte Lektüre werden würde (nicht, dass ich immer auf leichte Lektüre stehe, im Gegenteil, aber es gibt so Zeiten, da kann ich mich einfach nicht aufraffen, ein Buch in die Hand zu nehmen, durch das ich mich unter Umständen, was man von anderen so gehört hat, quälen muss).
Schon der Anfang macht einem deutlich, dass man sich in ein Buch begibt, welches andere Sphären auslotet. Es geht nicht darum, eine Geschichte von A-Z zu erzählen, sondern es geht um die Tiefe. Vielleicht bleiben wir bei A, vielleicht kommen wir bis B, egal, wie weit wir kommen, es wird tief getaucht werden. "Aber hier ist es, das Buch, das du liest. Offensichtlich. Dein Buch - jetzt fängt es an, es ist berührt und aufgeschlagen. Du könntest es anheben, wenn du wolltest, überlegen, ob es wohl mehr wiegt als eine Taube, oder ein Turnschuh, oder wahrscheinlich ein gutes Stück weniger als ein Laib Vollkornbrot. Diese Möglichkeiten bietet es dir."
Um ein Buch wie "Das Blaue Buch" zu lesen ist es gut, dachte ich mir, ein wenig freie Zeit am Stück zur Verfügung zu haben, damit ich nicht beim Tauchgang verloren gehe. Dieses Jahr während der Weihnachtsferien war es dann so weit. Ich begann es und las es in einem Rutsch, innerhalb von drei Tagen, durch. Vorher hatten mir noch zwei Lesefreundinnen meines Vertrauens mitgeteilt, dass sie sich hindurch "gequält" hätten, beziehungsweise die eine hat sich nicht gequält, sie hat es einfach wieder weg gelegt. Ich war also auf einiges gefasst.

Ein Paar geht auf eine Kreuzfahrt. Dass der Mann ein Langweiler ist, kapiert man irgendwie sofort. Dass die Frau mit ihm zusammen ist, weil sie sich von Langeweile Sicherheit erhofft, die sie braucht, weil sie, wenn nicht zerbrochen, so doch sicher angeknackst ist, kapiert man auch schnell. Dass das nicht gut gehen kann, weiß irgendwie jeder. Zumal in Büchern. Ich glaube, im richtigen Leben geht es öfter gut, weil im richtigen Leben die Handlungen nicht aufgelöst werden müssen und der Begriff "gut" generell pragmatischer interpretiert wird.
Auf dem Schiff befindet sich der ehemalige Geliebte der Frau. Das kapiert man nicht sofort. Aber wenn man es kapiert, denkt man sich "Oha!" und auch "Gott sei Dank, jetzt hat die Langeweile endlich ein Ende". Ja, auch die Lektüre ist zuweilen langweilig. Das meine ich aber nicht unbedingt und zwingend negativ. Ich bin kein Feind von Langeweile. Durch meine Kinder habe ich früh gelernt, dass Langeweile unglaublich wichtig ist, um kreativ und produktiv sein zu können. Aus der Langeweile, diesem gefürchteten, vermiedenen NICHTS, entstehen in der Regel die tollsten Dinge, sie ist sogar meiner Meinung nach eine Voraussetzung er tollsten Dinge. Weshalb ich mittlerweile eigentlich ein Fan der Langeweile bin.
Sie und ihr Ex haben gemeinsam auf Séancen vorgetäuscht, Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen und damit den Hinterbliebenen, sozusagen, Geld aus der Tasche gezogen, von dem sie, da sie sehr begabt auf dem Gebiet waren, sehr gut leben konnten.
Arthur, der ehemalige Geliebte, verdient sein Geld immer noch mehr oder weniger auf diese Art, indem er einsamen, reichen Witwen vermeintlich Kontakt zu ihren verstorbenen Ehemännern verschafft. Private Luxus-Séancen für Damen der gehobenen Gesellschaft, die es sich leisten können.
Er arbeitet im Grunde dabei, könnte man sagen, würde auch er selbst so andeuten, therapeutisch. Er glaubt daran, diesen Verzweifelten etwas zu geben. Er glaubt daran, dass ihn dies unterscheidet von Betrügern, die nur an Geld oder Machtspielchen interessiert sind. Das ist Arthur nicht, Arthur will auch helfen, Seelenfrieden wieder her stellen, um damit seine eigene Seele zu befrieden. "Es ist schmutzig, was ich mit ihr anstelle, aber das bedeutet nicht, dass ich nachlassen kann - es verstärkt eher meine Motivation, mich selbst zu übertreffen. Und ohne mich wäre sie schon lange tot. Seit wir angefangen haben, sind ihre Gesundheit, ihre Haltung, ihre Haut eindeutig besser geworden - sie geht wieder zu ihren Benefizdinners, zu den Stillen Auktionen für wohltätige Zwecke..."
Schon bald wird klar, dass die beiden nie aufgehört haben, sich immer wieder heimlich zu treffen, und dass auch diese Kreuzfahrt ursprünglich dazu geplant war, sich heimlich an Bord zu sehen. Dass der neue Mann, Derek, dabei sein würde, mit dem Elizabeth endlich ein "normales", ein geregeltes Leben, führen möchte, der einen Ring dabei hat und sich an Bord mit ihr verloben will, war ursprünglich gar nicht so geplant gewesen.

Im Zentrum des ganzen Buches steht für mich also die Liebesgeschichte zwischen Arthur und Elizabeth. Es ist meiner Ansicht nach eine wirklich große Liebesgeschichte, eine tragische Liebesgeschichte, deren Happy End ich mir ab einem gewissen Punkt tatsächlich wünschte. Derek ist von Anfang an kein ernst zu nehmender Konkurrent für Arthur, da er kurz nach Ablegen des Dampfers in Richtung New York der Seekrankheit verfällt. Anstatt ihm seine Tabletten zu geben, versorgt Beth ihn mit Placebos, weil sie ihn im Grunde nicht mehr ertragen kann. Sie liebt ihn nicht. Sie hat ihn aus Vernunft gewählt, um ihr Leben zu ändern, um von dem Einfluss Arthurs, auch in ihr selbst, wegzukommen. Die große, die zerstörerische, die beängstigende Liebe. Die konzentrierte Situation, auf einem von Stürmen gebeutelten Ozeandampfer fest zu sitzen, bringt die ganze Konstruktion in eine nicht wieder auszugleichende Schieflage.
Es könnte sein, dass mir noch nie zuvor in einem Buch zwei Charaktere sympathisch waren, die eigentlich so sonderbar sind: Trickbetrüger, Totenbesprecher, Millionärinnendasgeldausdertaschezieher. Das ist normalerweise nicht die Klientel, die ich mag. Aber irgendetwas hat mich von Anfang an an beiden Charakteren gefangen genommen. Ihre kühle Intelligenz, die Ungewöhnlichkeit, mit der sie sich durch dieses merkwürdige Leben tricksen, die Unfähigkeit, einfach normal zu sein. Und dann war da der Schmerz, den beide ausströmen, man ahnt, dass es da ein Geheimnis geben könnte, etwas Großes, Unausgesprochenes. das lauert hinter der Liebe, die auch groß ist. Selten wurden Liebe und Sex so wunderschön geschildert, wie in diesem Buch. Ich war wirklich berührt.
Es gibt immer wieder Rückblenden in Arthurs Vergangenheit. "Und an dieser Stelle muss es dir den Jungen vorstellen. Diesen Jungen. Dieser Junge steckt mitten im Sommer 1974, er ist allein..."
Feinfühlig wird gezeigt, warum er ist, wer er ist.

Elizabeth und Arthur hatten bei ihren Séancen einen Zahlencode vereinbart, mit dem sie sich verständigten, mit dem sie sogar ihre privaten Kommunikationen bestritten, mit dem sie sich teilweise auch an Bord wieder verständigen.
Das Blaue Buch auf passendem Sessel in der Reihe:
Lesen am Weihnachtsbaum, gerne auch Bücher vom letzten Jahr
Das Blaue Buch ist Arthurs Buch, von Elizabeth - folgerichtig dringt der Zahlencode auch dort ein, bis zur Seitennummerierung, so dass ich am Anfang dachte, "mein Gott, arbeiten die bei Hanser schlampig, die Seitennummerierung stimmt ja gar nicht! Gut, dass Jo Lendle da gleich nach Weihnachten hin geht und endlich mal für Ordnung sorgt!"

Nein, wahrhaftig kein leichtes Buch. Aber verloren ging ich nie. Wenn ich etwas nicht verstand, las ich weiter. Das ist so ein bisschen wie mit der Langeweile: man muss nicht immer beschäftigt sein, und man muss auch nicht immer alles gleich oder überhaupt verstehen.
Was mich immer weiter zog, war der Wunsch zu wissen, wie es weiter ging mit der großen Liebe zwischen Elizabeth und Arthur. Also ehrlich gesagt war es der Wunsch nach einem Happy End. Wegen mir sollten sie ein Leben lang zusammen sein und die Toten besprechen (denn ist es nicht so, dass in der Tat einige unter uns begabt genug sind, mit den Toten zu kommunizieren und damit den Lebenden Befriedung und Ruhe zu schenken? Daran kann ich glauben. Daran will ich glauben. Und wenn zwei von dieser Art zusammen kommen, dann wackeln die Schiffe, die Wände, das Leben, aber dann ist die Liebe auch tiefer als alles, was man sich vorstellen kann.)

Es ist meiner Ansicht nach ein großartiger Roman, der die Arbeit, die er macht, wert ist. Nach der Lektüre fühlte ich mich reich beschenkt.Und wenn ich ehrlich bin, würde ich ihn auf der Stelle noch einmal lesen, wenn ich nicht so viele andere Bücher ganz dringend lesen wollte. Aber eines Tages werde ich ihn wieder lesen. Ich schwöre!
Es ist kein Buch für Gegner von Langeweile, für Freunde schneller Befriedigung, temporeicher Unterhaltung, stilvoller Ablenkung. Es ist ein schnörkelloses Buch, intelligent, trocken und gut geschrieben und es führt in die Tiefe, durchaus auch der eigenen Lebendigkeit, der eigenen Toten, der eigenen Liebe, wenn man inmitten der Langen Weile bereit ist, sich darauf einzulassen.

© Susanne Becker

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