Berlin

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Donnerstag, 1. Januar 2015

Der Turm - Ein Roman von Uwe Tellkamp

Ich hatte Der Turm zwei Jahre auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen und jedes Mal, wenn sein Cover nach oben kroch, ordnete ich es wieder ganz unten ein. Irgendetwas in mir scheute davor zurück, dieses beinahe eintausend Seiten starke Buch zu lesen. Ich wusste, dass es nicht so ein locker-leichter Lektüre Spaziergang sein, sondern mich fordern würde, sowohl von der Story her, aber auch von der Sprache. Es gibt Bücher, die schlürft man einfach so weg, ohne dass man sich dabei groß anstrengen muss. Und es gibt Bücher, da ist es fatal, wenn die Konzentration zwischendurch schludert. Denn das führt dazu, dass man verloren geht. Der Turm ist ein solches Buch, bei dem man nicht für ein Wort locker lassen sollte. Jedes Wort will bewusst gelesen sein, um wirklich den Gesamtgehalt dessen, was das Buch, von der Sprache, der Geschichte, den Charakteren her, zu bieten hat, in sich aufzunehmen. Vermutlich wäre es sogar gut, es gleich noch einmal zu lesen, so viele Dinge enthält es.
All das ahnte ich. Ich ahnte, dass es eine anstrengende Lektüre werden würde und ich fürchtete, die Anstrengung könne mich langweilen, sich möglicherweise auch gar nicht lohnen, weil das, was hinten heraus kommt, verqualmte Gehirnzellen sind, verbrannte Zeit, viel verbrannte Zeit, aber mehr auch nicht.
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gelesen: im Bett, im Flugzeug, in Stolberg
(nichts davon dokumentiert durch ein Foto-
Vorsatz für das neue Jahr: das muss sich wieder
ändern!)
Doch schon als ich den ersten Satz las, in Kursivschrift, fast eine Seite lang, war ich gefangen. „Suchend, der Strom schien sich zu straffen in der beginnenden Nacht, seine Haut knitterte und knisterte; es schien, als wollte er dem Wind vorgreifen, der sich in der Stadt erhob, wenn der Verkehr auf den Brücken schon bis auf wenige Autos und vereinzelte Straßenbahnen ausgedünnt war, dem Wind vom Meer, das die Sozialistische Union umschloß, das Rote Reich, den Archipel, durchädert durchwachsen durchwuchert von den Arterien Venen Kapillaren des Stroms, aus dem Meer gespeist, in der Nacht der Strom, der die Geräusche und Gedanken mit sich nahm auf schimmernder Oberfläche, das Lachen und den Ernst und die Heiterkeit ins sammelnde Dunkel;…“ Zugegeben, ein solcher Satz, und das ist ja noch nicht einmal die Hälfte dieses Satzes, kann einen davon abhalten, überhaupt weiter zu lesen. Weil man befürchtet, und ich möchte an dieser Stelle sagen : Zu recht!, dass das ganze Buch immer so weiter gehen könnte. Ja, es geht das ganze Buch so weiter und es ist verdammt lang. Das ist einer der Hauptvorwürfe, die ich bei den Amazon und Goodreadsrezensionen zu diesem Buch fand. Man kämpft und arbeitet sich durch die Sätze, die Seiten – und bekommt geschenkt einen tiefen Gang hinunter in einen Turm, den faszinierende Menschen bevölkern, einen Dresdner Stadtteil, in dem ich an manchen Tagen selbst gerne gewohnt hätte, Bildungsbürger, Intellektuelle, lesende Menschen, die in einem Land leben, das seinem Ende entgegenstolpert, ohne es schon zu ahnen, in einem Gesellschaftssystem vor dem Zusammenbruch, auch das, ohne es zu ahnen. Wenn sie es ahnen, dürfen sie es sich auf keinen Fall anmerken lassen. Erst recht nicht, falls sie dieses Ende herbei sehnen sollten. Die Enge, in die eine Diktatur ihre Bewohner zwängt, war für mich so spürbar, vom Anfang des Buches an bis zu seinem Ende, dass es mir teilweise den Atem abschnürte beim Lesen.

Dresden 1982 bis 1989, die Familie Hoffmann mit Kindern, Onkeln, Tanten, Bekannten, unfreiwillig einquartierten Mitbewohnern lebt in einem Dresdner Villenviertel, in dem die Häuser Namen tragen wie „Tausendaugenhaus“ und schlittern, ohne eine Ahnung davon zu haben, der Wende entgegen. Unter ihnen der 17jährige Christian, Schüler zunächst, später in der NVA, fünf Jahre lang, bis zur Wende, drei Jahre davon auch im Militärgefängnis und zugehörigem brutalsten Arbeitseinsatz, weil er nach dem Unfalltod eines Kameraden seinen Vorgesetzten unter anderem mit den Worten „So was ist nur in diesem Scheißstaat möglich“ anging. Der Willkür vollkommen ausgeliefert, dabei sich beständig an den Worten festhaltend, lesend, denkend, Briefe schreibend. Kein Wunder, dass die Sätze so lang, die Worte so kompliziert gewählt sein müssen. Wenn die Sprache das ist, an dem man sich, untergehend, festhält, dann kann sie nicht leicht daher kommen. Auch Christians Onkel Meno, Lektor in einem Verlag, also ein lesender Mensch, neigt zu dieser Kompliziertheit des Ausdrucks. Ein Teil des Buches besteht aus seinem Tagebuch. Natürlich fragt man sich: Schreibt denn irgendwer so Tagebuch? Dann gibt man sich selbst die Antwort: Ja, ein solcher Mensch, wie dieser Meno es ist, der würde genau so Tagebuch schreiben.
Noch nie bin ich lesend so tief eingedrungen in die Deutsche Demokratische Republik und ich habe verstanden, wie wenig ich eigentlich gewusst oder verstanden habe von diesem Leben in einer Diktatur. Wenn Uwe Tellkamp in einem Interview davon spricht, dass sein Buch beispielsweise bei Lesungen in Dresden immer noch radioaktiv wirkt, dann ahnt man, wie sehr er damit die Wahrheit beschrieben, ja, geradezu penetriert hat. Herta Müller hat mal gesagt, Kunst muss weh tun. Der Turm tut an vielen Stellen weh. Es ist nicht immer leicht, ihn zu lesen, die aufsteigenden Gefühle zuzulassen. Ich stelle mir vor, dass dies noch viel schwieriger sein könnte, wenn man nicht wie ich eine Außenstehende dieses Systems ist.
Der Turm ist ein regelrechtes Panoramabild eines Landes, einer bestimmten Schicht in diesem Land, aber nicht nur das: Er seziert für mein Empfinden sehr genau, wie Diktaturen funktionieren, wie sie ihre Bewohner zum Schweigen bringen und warum es niemand wagt, sich zu wehren. Ich hatte das Gefühl, nicht nur etwas über die DDR zu lernen, sondern etwas über Diktaturen, und auch über Menschen, im allgemeinen.
Sprachlich und von der Handlung her ist das Buch so dicht, ich habe selbst vielleicht noch nie ein dichteres gelesen. Wort um Wort, Zeile um Zeile wird man hinein gesogen in eine beklemmende Welt, die so fremd ist, und doch auch so vertraut. Deutsch. Spießig. Eng. Gefährlich für jeden, der eine Abweichung wagt oder auch nur vermuten lässt durch ein falsches Wort, oder einen falschen Blick. Misstrauen. Angst. Gegenseitiges Beobachten. Anschwärzen. Bespitzeln. Angezapfte Telefone. Knappe Lebensmittel. Ausfallender Strom. Warteschlangen. Jedes nicht funktionieren wird vertuscht und wenn ausgesprochen, als Verrat angezeigt.
Der Text ist so dicht, die Geschichte so straff gezogen, dass man gut daran tut, die Konzentration nicht einen Moment lang abschweifen zu lassen, wenn man nicht Gefahr laufen will, etwas zu verpassen. Atemlos lässt es einen teilweise werden, vor allem bei den Beschreibungen der NVA-Zeit von Christian. Wunderbare Charaktere begegnen einem: Pfannkuchen, Judith Schevola, das Ehepaar Honich, um nur einige zu nennen.
Highlights waren für mich persönlich auch die Stellen, wo Tellkamp seine Protagonisten reden lässt, jede Person hat eine eigene Stimme und manche sind dabei nicht unauffällig: Die Londoners zum Beispiel, Ex-Schwiegerfamilie von Meno, die gerne und voller Absicht das deutsche mit dem englischen vermischen, somit eine eigene Sprache kreieren und dann solche Sätze zustande bringen wie: „you don’t have to sülz, if you want to say sammsink ernsthaftly“. Dabei macht es vollkommenen Sinn, dass ein Ehepaar, desesn beide Familien im Holocaust ausgelöscht wurden und die selbst je als Kinder in England das Grauen überlebten, sich genau so verhalten würden. 
Oder auch Helmut Hoppe, Gast auf der Hochzeit von Christians Cousine Ina, der sich mit dem Onkel Ulrich über ein Wodkarezept mit schwarzen Johannisbeeren, den Bundespräsidenten Weizsäcker und Tschernobyl unterhält:
„Helmut Hoppe betrachtete sein Glas: „Nu ja, jezz, wodes sa-chst, schmecksch direkt ä paar Johannisbärn dursch. Habbder die Weizsägger-Räde gehört?“
„Nee.“
„Awwer ich.“
„Und?“
„Nu. Mehr wie drei Drobben Johannisbärn drinne. Ä fener Mann, ä rischdscher Bundespräser ähm. Där machd was här, ni’ so wie unsre Na-bopps. Isch bin ja ma’ geschbannt, wie das in dor Soff-jettunjohn widergäht. Jezz dürfense ja nischema mähr in de Johannisbärn, gewissermasn. …-Warded ma: Jezz is’ Danz.“ und tanzen tut der Helmut Hoppe gern.
Es sind so viele Charaktere in diesem Buch, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt. Ich habe mich oft gefragt, wie Tellkamp an diesem Buch gearbeitet hat und auch, wie lange. Gerne würde ich mich darüber mit ihm unterhalten. Das Buch ist sicher autobiographisch. Denn die Eckdaten Christians stimmen auffällig mit den seinen überein. Aber dass jemand es schafft, seine eigene Geschichte derart literarisch zu verarbeiten, finde ich beeindruckend.
Für mich persönlich ist es bis jetzt das beste Buch, das ich über die DDR gelesen habe, das Buch, aus dem ich das meiste erfahren habe.  
Bei den Goodreads Rezensionen, auch an anderer Stelle, kam mir oft die Meinung zu Ohren, dass Tellkamp eitel sei und dieses Buch ein Produkt von Selbstverliebtheit und Angeberei. Ich denke aber, dass Der Turm ein wirklich großes Buch ist, und dass Eitelkeit oder Angeberei wohl kaum ausreichen als Motivation, um ein solches Buch zu schreiben. Wenn es so wäre, müssten wir in solchen Büchern untergehen! Denn eitel und selbstverliebt scheint mir persönlich ein Charakteristikum des Literaturbetriebs generell zu sein.
Wenn ihr ein leicht-lockeres Buch lesen wollt, macht einen Bogen um Der Turm. Ich hatte vorher Ken Follett gelesen und kann verstehen, was man auch suchen kann in einem fast tausend Seiten dicken historischen Roman. Kein Vergleich, obwohl auch Follett, dem Thema geschuldet, nicht leicht und locker ist! Aber er liest sich runter wie nichts.
Wer Der Turm liest, sollte Lust haben auf eine anspruchsvolle Sprache mit Bandwurmsätzen und vielen verschiedenen Stimmen, vielen Charakteren, einer tiefgründigen Schilderung einer Phase in der deutschen Geschichte, die noch lange nicht verdaut ist und ihre Schatten ins Heute wirft. Eine Lektüre, die auch etwas mit Arbeit zu tun hat. Und doch habe ich das Buch letztendlich verschlungen: Im Flugzeug zum Beispiel, beim Starten und Landen, normalerweise Momente, in denen ich tief aber unauffällig atmend (es soll ja keiner merken, dass ich u.U. panicke) den Kopf zurück lege und vorgebe, zu meditieren - vergessen!: ich war so versunken im Buch, dass ich erst aufschreckte, als die Leute neben mir aussteigen wollten. Am Sylvesterabend, mein Mann und meine Tochter standen schon draußen und der Himmel über Berlin explodierte, 00:04, aber ich las weiter - und weiter, bis ich das Buch gegen 01:00 Uhr am 1.1.2015 beendete, nur kurz unterbrochen durch einen kleinen Schluck Sekt auf dem Balkon. Es hat mich ein paar Wochen begleitet, überallhin und war definitiv eines dieser Bücher, in dem ich auch in der U-Bahn lese, wenn ich nach drei Stationen schon wieder aussteigen muss, es ist eines der Bücher, die mich eventuell vergessen lassen, dass ich aussteigen muss!, die es spielend auf meine List of Favourites 2014 gebracht haben, sozusagen in letzter Minute. Und ja: wenn man sich die Liste meiner Lieblingsbücher 2014 anschaut, könnte man mir durchaus nachsagen, dass ich zwischendurch schon mal ein Faible für komplizierte Bücher entwickele. Frohes Neues Euch und viel viel Spaß, beim Lesen und auch sonst, in 2015!

 © Susanne Becker


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