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45 Years - Film

Gestern habe ich mir den Film 45 Years angeschaut.
Einmal mehr stellte ich fest, dass ich nicht wirklich ein Fan von Charlotte Rampling bin. Ich finde sie zu ernst, zu tief, zu schwer, zu unglaublich bedeutungsschwanger. 
Dennoch hat mich der Film fasziniert, was vor allem auch an ihrer unglaublichen Schauspielkunst lag und ich möchte kurz darüber schreiben.

Der Film handelt von Kate und Geoff, die kurz vor ihrem 45. Hochzeitstag stehen. Es ist Montag. Wie jeden Morgen geht Kate sehr früh mit dem Hund raus. Als sie zurück kommt, war gerade der Briefträger da. Ihr Mann, der nie mit spazieren kommt, sitzt am Küchentisch und liest einen Brief. „Was steht drin?“ fragt sie. „Sie haben sie gefunden.“ sagt er.
„Wen?“
„Na, Katya, weißt Du denn nicht? Meine Katya!“
Natürlich weiß sie. Katya war die Freundin ihres Mannes gewesen, bevor sie ihn kannte. Sie war bei einem Unfall in den Schweizer Alpen ums Leben gekommen. Geoff und sie hatten nie darüber gesprochen und Kate war davon ausgegangen, dass sie selbst Geoffs ganz große Liebe war.

Es ist Montag, am Samstag soll das Fest für den Hochzeitstag stattfinden. 
Im Verlauf dieser Woche nun, einer düsteren, kahlen Woche irgendwo in Norfolk, entrollt sich, ohne großes Aufheben, eine Vergangenheit beinahe wortlos, fast ausschließlich atmosphärisch und in Andeutungen, vor dem Zuschauer, aber vor allem vor Kate, die ihr ganzes bisheriges Leben mit Geoff, die ganzen 45 Jahre, in Frage stellt.
Denn es wird offenbar, dass nicht sie, sondern diese Katya, die man nun in einem Gletscher in den Schweizer Bergen, vielleicht konserviert durch das Eis, nach 50 Jahren gefunden hatte, Geoffs große Liebe gewesen sein könnte. Dass sie sogar ein Kind von ihm erwartet hat, wie aus einem der Fotos, die Kate von ihr auf dem Speicher findet, hervorgeht. Dass in dieser Gletscherspalte nicht einfach irgendeine Katya verschwunden war, sondern Geoffs ganzes eigentliches Leben, das Leben, das Leben, das er hätte leben sollen und für welches Kate eine Art Ersatz war. 
Zumindest sieht Kate das so. Geoff, so macht es den Eindruck, kehrt für eine Woche kurz in seine Vergangenheit zurück, sucht auf dem Speicher nach Fotos von Katya und trauert noch einmal um diese verpasste Chance und seine große Liebe. Ja, er hätte sie geheiratet, wenn sie nicht abgestürzt wäre. Er scheint allerdings von der existenziellen Bedeutung des Geschehens für seine ganze Ehe nicht wirklich viel mit zu bekommen. Dass diese Ehe teilweise weniger lebendig wirkt, als die Vergangenheit, damit hat er sich längst abgefunden. 
Mit einem Ruck entscheidet er sich im Grunde noch einmal für Kate, die ja immer noch seine Rettung ist. Er zwingt sich zu dieser Entscheidung, auch weil er in seinem Alter gar nicht mehr anders kann, und merkt nicht (oder doch?), dass die sich längst von ihm abwendet, Tag für Tag ein bisschen mehr. Sie, die ihn gerettet hat 45 Jahre lang vor dem Schmerz über sein verlorenes Leben, dass er nicht auch abrutscht innerlich, in eine Gletscherspalte. 
Ihr wird es mehr als schmerzlich bewusst, welche Bedeutung sie für ihn hat und auch, dass die Bedeutung, die er für sie hatte, auf einer Illusion gründete. Was am Ende bleibt, ist die Furcht, die anderen könnten diese Demütigung sehen. 
Wie Charlotte Rampling dieses graduelle Verstehen, dieses in sich Zusammensinken eines Lebens, ohne viele Worte, nur mit ihrem Gesicht und ihrem Körper, für den Zuschauer so unangenehm sicht- und spürbar macht, dass man sich teilweise abwenden möchte von dem Film, das ist ganz große Schauspielkunst. Dass sie dafür auf der Berlinale 2015 den Silbernen Bären als beste Darstellerin bekommen hat, ist sofort nachvollziehbar.

Wie erhält man eine Beziehung? In dem man sich nicht trennt. Nothing more, nothing less. Eine bittere Wahrheit. Wir wissen nicht, ob Kate sich am Ende von Geoff trennen wird, räumlich. Emotional hat sie sich getrennt, das ist offensichtlich. Und plötzlich wird einem die Tristesse dieses gemeinsamen Lebens bewusst. Dass Kate und Geoff in eine unglaubliche Starre gesunken waren aufgrund der ganz großen Lüge, die ihre Beziehung all die Jahre getragen hat, die verborgen werden musste, von beiden, denn auch angelogen zu werden ist letztlich eine Entscheidung, die Realität nicht zu hinterfragen. In dieser Starre wirkt Geoff auf den Zuschauer teilweise wie ein Demenzkranker (auch der Schauspieler Tom Courtenay wurde auf der Berlinale 2015 mit dem Silbernen Bären für den männlichen Hauptdarsteller ausgezeichnet), und Kate wie eine sich mit aller Macht zusammen reissende Großherzogin – das kapiert man erst langsam. Zunächst wirkt dieses Leben auf dem englischen Land, in einem wunderbaren Haus, doch idyllisch. Aber da ist keine Bewegung, keine Entwicklung. Nur Stillstand. Kate genießt ihn fast, Geoff leidet daran. Zum Ende hin bricht er die Bewegungslosigkeit auf, geht mit Kate spazieren, bringt ihr Tee ans Bett, will ihr seine Liebe zeigen, Aber es scheint zu spät. Kates Liebe hat sich innerhalb weniger Tage in das Ende einer Illusion aufgelöst.
Dieser Film hat mich so berührt, weil er ein Film über uns alle ist. Diese Starre des Paares ist eine Starre, der man im Leben sehr oft begegnet. Immer dort, wo Menschen sich mit einer Illusion, einer Täuschung oder einer Halbwahrheit arrangieren, um etwas vermeintlich größeres nicht zerbrechen zu lassen, und natürlich auch aus angst. Immer, wenn man dieser Starre begegnet, löst sie unangenehme Gefühle aus. Es ist das Gegenteil von Freude, von Abenteuer oder Lebendigkeit. Vielleicht ist mir Charlotte Rampling auch nur deshalb irgendwie unsympathisch gewesen mit ihrer Tiefe, weil sie so perfekt die Fassade mimt, die einen ganzen Abgrund verbirgt, einen Abgrund, vor dem sich vielleicht jeder fürchtet.

Wer den Film noch nicht gesehen hat, ich kann ihn empfehlen. Wirklich ein ganz großer Film, über dessen Implikationen und Nebenwirkungen ich sogar nachts im Traum und heute auch schon den ganzen Vormittag nachgedacht habe. Woraufhin ich irgendwann dachte, dass er ein Meisterwerk war. Gut, dass ichs noch gemerkt habe. Beim Schauen selbst hat er mich sogar teilweise genervt.

Wie es der Zufall so wollte, stolpere ich dann noch, erst gestern, jetzt heute wieder, über dieses Gedicht von Pablo Neruda, und es drückt für mich das aus, was auch der Film aussagte, deshalb zitiere ich es hier

You start dying slowly - By Pablo Neruda
You start dying slowly
if you do not travel,
if you do not read,
If you do not listen to the sounds of life,
If you do not appreciate yourself.
You start dying slowly
When you kill your self-esteem;
When you do not let others help you.
You start dying slowly
If you become a slave of your habits,
Walking everyday on the same paths…
If you do not change your routine,
If you do not wear different colours
Or you do not speak to those you don’t know.
You start dying slowly
If you avoid to feel passion
And their turbulent emotions;
Those which make your eyes glisten
And your heart beat fast.
You start dying slowly
If you do not change your life when you are not satisfied with your job, or with your love,
If you do not risk what is safe for the uncertain,
If you do not go after a dream,
If you do not allow yourself,
At least once in your lifetime,
To run away from sensible advice…

~ Pablo Neruda

© Susanne Becker

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