Berlin

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Donnerstag, 31. Januar 2013

Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Ich hatte schon einmal über Tilman Rammstedt geschrieben hier im Blog. Heute tue ich es wieder, aus akuellem Anlass, ich lese nämlich gerade Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters.
Weil ich plane, mich für ein Seminar bei ihm zu bewerben (und ich werde dort mit keiner Silbe, mit keinem Wort erwähnen, meine Lippen werden praktisch versiegelt sein, dass ich schon zweimal in meinem Blog über ihn geschrieben habe,) habe ich beschlossen, alle seine Bücher so peu à peu zu lesen. Auch das werde ich mit keiner Silbe, mit keinem Wort erwähnen, während des Seminars, falls er mich überhaupt annimmt.
Der Text, mit dem ich mich bewerben möchte, ist unglaublich depressiv. Ich habe heute Abend überlegt, ob ich ihn "Hommage an Ingeborg Bachmann" im Untertitel nennen soll. Ich fand das dann nicht so eine gute Idee. Deshalb habe ich einen weiteren Entschluss gefasst, heute Abend: Ich werde den Text, der auch mich selbst depressiv stimmt, weil er so unglaublich ernst und, ja, geben wir es doch hier einfach auch mal zu: negativ ist, radikal redigieren. Ich werde ihn so umarbeiten, dass er Tilman Rammstedt, naja, nicht gefällt, ich will mich ihm ja nicht anbiedern, warum sollte ich das auch? ich kenne den Mann nicht einmal. Aber damit er auch so einen Ansatz von lustiger Leichtigkeit hat, der Leser soll ruhig auch mal lachen dürfen, werde ich an Tilman Rammstedt denken und den Text dann redigieren und weiter schreiben. Ich habe erst achtzig Seiten. Damit es ein fertiger Roman wird, fehlen offensichtlich noch ein paar Seiten und weil er mich so deprimiert, werde ich damit möglicherweise nie fertig, weil ich schon schlecht gelaunt bin, bevor ich die Datei überhaupt öffne. Wenn ich mir aber jetzt vorstelle, ich denke beim Schreiben an Tilman Rammstedt (nicht so!!!! sondern an die Leichtigkeit) und an seine Bücher und deren Leichtigkeit und versuche, den Text so umzuschreiben, dass ich in dem Seminar, falls er mich nimmt, nicht als depressive Tante gleich unangenehm auffalle, da habe ich wieder Lust, mich hin zu setzen und zu arbeiten. Es erscheint mir wie eine Herausforderung, die ich gerne annehmen möchte. Endlich ist da wieder ein Ziel! In den letzten Monaten habe ich, nur um diesem Text auszuweichen, Gedichte und Kurzgeschichten am Fließband produziert. Was gut war, keine Frage! Aber der Roman, dieses unfertige, dunkle Projekt, lauert doch wie ein Schatten im Hintergrund meines Lebens. Ich kann jetzt nicht einfach weiter leben und so tun, als gäbe es ihn nicht. Wenn ich den Text jetzt umschreibe mit einer, nennen wir es, Tilman Rammstedt-Note, wenn ich ihm also diese Tilman-Rammstedt-Note verleihen könnte, das würde nicht schaden, auch mir selbst nicht. Wenn ich schon beim Lesen so lache, dann hält es mich beim Schreiben sicher nicht mehr auf meinem Stuhl. Es wird dann eine Hommage an Ingeborg Bachmann mit einer Note von Tilman Rammstedt werden. Lustigerweise tauchen die beiden jetzt wieder zusammen in einem Blogtext bei mir auf. Das war beim letzten Mal auch so, weil Rammstedt den Bachmann-Preis ja mal gewonnen hat. Mit dieser Leichtigkeit, die eine Art Gegenpol darstellt zur Bachmannschen Schwere. Obwohl, wenn man sich das Buch genau anschaut, dann ist es eigentlich nicht leicht und die Charaktere darin sind alle irgendwie depressiv. Dennoch musste ich oft lachen, während ich darin las. Wenn ich Ingeborg Bachmann lese, muss ich nie lachen. Das ist aber jetzt nicht als Vorwurf gemeint, im Gegenteil. Ich liebe Ingeborg Bachmann.
Da ist dieser Mensch, der mit seinem Leben offensichtlich nicht zurecht kommt, Tilman Rammstedt, der zig Arztbesuche absolviert, dessen Ehe zerbricht, der eine Knirscherschiene benötigt und ständig unerwiderte Mails an Bruce Willis verfasst, aus denen dann letztlich der ganze Roman besteht. "Sehr geehrter Herr Willis, ich bin es noch einmal kurz. Nur falls Sie meine Mail eben gelöscht haben sollten und es mittlerweile bedauern."
Von der ersten Zeile an ist in diesem Buch eine Art unbezwingbarer Zärtlichkeit für die Charaktere ein wichtiges Element. Zärtlichkeit für den Mailschreiber, dessen Leben offensichtlich in allen entscheidenden Bereichen (Liebe, Arbeit, Gesundheit)  gerade aus den Fugen gerät, für den ehemaligen Bankberater, der seine eigene Bank überfällt und ebenfalls in einer Krise steckt, " Mein ehemaliger Bankberater geriet manchmal ins Grübeln. "Vielleicht ist auch alles ganz anders", sagte er dann und schaute dabei knapp an mir vorbei. "Wahrscheinlich aber nicht", sagte er dann, und ich ärgerte mich darüber, dass mich das enttäuschte."
Man versteht plötzlich sogar Bruce Willis, der laut Tilman Rammstedt, der es wissen muss, auch in einer Krise steckt und deshalb von ihm eine Chance angeboten bekommt."Sehr geehrter Herr Willis, jetzt, da wir alles geklärt haben, will ich gar nicht mehr viel von Ihrer Zeit stehlen und gleich zum Punkt kommen: Ich würde Ihnen gern eine Rolle in meinem neuen Buch anbieten."
Das Buch enthält tiefe philosophische Einsichten. Manchmal lasse ich es auf die Bettdecke sinken (ich lese es meistens im Bett), starre ins Nichts oder an meine blaue Wand, und denke nach über Sätze wie diesen: "Als er selbst ist mein Bankberater verloren. Als wir selbst sind wir alle verloren. Wenn alle nur sie selbst bleiben, kommt es zu keinem glücklichen Ende, und ich bestehe auf einem glücklichen Ende."
Zum Nachdenken hat mich auch dieser Satz angeregt: "Wahrscheinlich sind noch nicht einmal Zebras gut darin Zebras zu sein." Den kann man doch sofort auf die gesamte Menschheit übertragen, fand ich, oder nicht?
Ich weiß nicht, ob ich mir das Buch gekauft hätte. Es gibt so Bücher, die möchte ich schon lesen, aber ich hoffe immer, dass sie irgendwie karmisch meinen Weg kreuzen, ohne dass ich dafür mein Portemonnaie zücken muss. Ich habe die Tage noch eine Steuernachzahlung zu begleichen, deshalb, und weil ich mittlerweile nicht mehr 32 Bücher neben meinem Bett liegen habe sondern eher 52 (Weihnachten, Geburtstag - ich nehme Geschenke für letzteren noch bis kurz vor Weihnachten an - klitzekleine Einbrüche bezüglich des Vorsatzes, mir erstmal keine Bücher mehr zu kaufen).
Ich hatte Glück, denn meine Arbeitskollegin, die ich liebe, weil sie so effizient und zuverlässig und einfach toll ist, ist mit dem Verleger von Tilman Rammstedt befreundet und sie hat mir ihr Exemplar unaufgefordert eines Tages auf den Schreibtisch gelegt. Das meine ich mit Karma! Sie hat mich sogar gefragt, ob ich in dem Werbevideo zu dem Buch, an dem sie irgendwie beteiligt war, mitspielen möchte. Ich habe panisch abgelehnt. Ja, so ist das in meinem Büro. Da liegen die tollsten Bücher rum und kein Mensch meckert, da kreuzt das Karma meinen Weg und wieder meckert kein Mensch, noch nicht einmal, wenn ich mich davor verstecke, vor meinem Karma. Ich steckte das Buch ein und fing noch in der U-Bahn an zu lesen.
"Mein ehemaliger Bankberater benutzte gern Bilder aus dem Tierreich. Ein gutes Portfolio müsste ich mir zum Beispiel vorstellen wie ein Löwenrudel, eine Privatrente wie eine Ameisenstraße, einen Bausparvertrag wie einen Regenwurm. Wenn es sich um Tiere handelte, die Laute von sich geben, machte er diese Laute nach."
Tilman Rammstedt will gerettet werden, deshalb Bruce Willis. Ich habe den Verdacht, als er es schrieb, war Tilman Rammstedt vielleicht auch in einer Krise. Er wirkt ziemlich empfindlich, vor allem, wenn Bruce Willis nicht macht, was er will. "Sehr geehrter Herr Willis, falls Sie sich fragen sollten, ob ich Ihnen heute schreibe, lautet die Antwort: Nein. Es ist vorbei. Und Sie sind schuld daran. Nur damit Sie es wissen. Gruß Tilman Rammstedt."
Ich muss sagen, ich hätte von Anfang an an Robert de Niro geschrieben. Aber ich mag das Buch trotzdem. Nach dem Buch mag ich sogar Bruce Willis. Ich sehe ihn mit anderen Augen. 
Man liest es relativ schnell runter. Man lacht. Man denkt nach. Man möchte Tilman Rammstedt mal begegnen, weil er offensichtlich ein netter Kerl ist. (Wenn er mich für den Kurs akzeptiert mit meinem dann hoffentlich nur noch semi-depressiven und doch auch leichten Text, sage ich hier Bescheid, ob das stimmt, versprochen!) Wenn er mich für den Kurs nicht akzeptiert, frage ich meine Kollegin, ob ich in dem Werbevideo für das nächste Buch von Tilman Rammstedt mitspielen darf. Er muss es erst mal schreiben, das ist klar.
Aber ich muss jetzt noch etwas unangenehmes sagen und hoffe, er liest das hier niemals: Ich lege das Buch beiseite und es wird das zweite Buch von Tilman Rammstedt sein, dass ich mit Vergnügen gelesen habe, das aber keine Chance hat, auf meine Liste von Büchern, die man unbedingt gelesen haben sollte, zu kommen.
Um in diesem Zusammenhang nochmal auf meinen eigenen Roman zurück zu kommen: Er sollte so sein, dass ich ihn mit Vergnügen schreibe, dass ihn dann viele mit Vergnügen lesen und er dann auf die Liste der Bücher kommt, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ist das denn wirklich zuviel verlangt?
Aber lest "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters" ruhig trotzdem. Es lohnt sich, finde ich. Ehrlich!
"Dieses Buch ist besser als all meine Filme zusammen." Bruce Willis


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