Berlin

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Dienstag, 22. Januar 2013

Diese Bäume sind schrecklich - Älterwerden

Vor ein paar Wochen musste ich morgens beim Anziehen niesen und konnte mich daraufhin nur noch ansatzweise bewegen. Eine Art elektrischer Schlag schoss in meinen unteren Rücken und sandte weitere kleine aber heftige elektrische Schläge in mein rechtes Bein, so dass mein Laufen eher ein Humpeln war, bei dem ich das rechte Bein hinter mir her schleifte. Ich schleppte mich durch unseren langen Flur zur Toilette, indem ich mich mit beiden Händen an den Wänden abstützte und ich fühlte mich uralt und irgendwie vom Leben gedemütigt. Jeder Schritt löste einen unglaublichen Schmerz in Hüfte und Bein aus und ich unterdrückte nur mit Mühe ein kontinuierliches Stöhnen. Zu altern kommt mir vor wie eine wirklich schlechte Sache, von der ich besser, genau wie von Zigaretten oder zuviel Alkohol, die Finger lassen würde. Rücken und Altern kommen mir ein wenig vor wie selbstverschuldet. Wenn ich alles richtig machen würde, dann könnte ich es unter Garantie hinaus schieben. Ich weiß nicht, ob jemand außer mir dieses Gefühl kennt. Aber ich habe den Eindruck, in unserer Gesellschaft ist das Ideal, jung zu bleiben, fit zu sein, schnell, kreativ, den coolen Leuten sieht man ihr Alter nicht an. Hip ist es, immer so im Schnitt zehn Jahre jünger zu wirken als man wirklich ist, sonst macht man was falsch. Wenn man sich hingegen mit den Händen an der Wand abstützend aufs Klo bewegt, ist man schon mal per se auf der falschen Seite. Dass ich bald eine Gleitsichtbrille benötige, bestätigt diesen Anfangsverdacht nur noch.
Ich lag also flach, den ganzen Montag und, ja, es war eine schlechte Wahl, ich sah mir zu allem Überfluss den Film Halt auf freier Strecke an. Ich hatte ihn einfach gerade da, von Freunden viel gutes darüber gehört und ich lag eingeklemmt zwischen meinen ganzen Wärmflaschen im Bett und heulte, weil dieser Film, in Kombination mit meinem Rücken reichte vollkommen aus, mir den Tag zu vermiesen! Ich meine VERMIESEN in riesigen Riesenbuchstaben. Ich dachte über Möglichkeiten nach, weiter jung zu bleiben, um mich zu trösten, als unter meinem Fenster mit lautem Tatütata ein Feuerwehrwagen anhielt, dessen blaues Licht mein Zimmer rythmisch einfärbte. Mein erster Gedanke war: "Toll, jetzt liege ich hier und kann mich nicht bewegen, der Tag ist eh der beschissenste seit Jahrzehnten, ist ja klar, dass jetzt auch noch ein Feuer in unserem Haus ausbricht und ich evakuiert werden muss."
Es klingelte an meiner Tür. Ich blieb im Bett liegen. Ich konnte mich nicht bewegen und ich hatte mit Sicherheit keine Lust auf die Feuerwehr. Sollten sie doch bei irgendeinem meiner Nachbarn klingeln.
Ich wollte mich einfach unsichtbar machen und hoffte, dass dieser Trick auch ein Feuer im Haus dazu bringen würde, mich zu umgehen. Als ich aber hörte, dass die Feuerwehrmänner in die Wohnung meiner 80jährigen Nachbarin gleich gegenüber geradezu stürzten und laut ihren Namen riefen, sprang ich doch aus dem Bett (ja, ich sprang, irgendwie waren die Rückenprobleme für den Moment komplett weg) und öffnete meine Tür, um zu sehen, ob mit ihr alles in Ordnung wäre. Sie erinnert mich an meine längst verstorbene Großmutter und irgendwie fühle ich mich ein kleines bisschen für sie mit verantwortlich.
Ein Feuerwehrmann stand im Türrahmen und ich fragte: "Stimmt was nicht?"
Er sah mich an, hilflos: "Sie hat einen Schlaganfall."
"Soll ich mal kommen?" fragte ich und hoffte insgeheim, er würde antworten: "Nein nein, kein Problem, sehen Sie meine Uniform? Ich habe hier alles im Griff. Legen Sie sich mal wieder hin. Sie sehen aus, als hätten Sie Rückenprobleme."
Der Feuerwehrmann wirkte aber leider plötzlich sehr dankbar und sagte: "Oh ja, bitte, das wäre gut."
Oma Witting lag in ihrer selbst gestrickten roten Wolljacke ausgestreckt auf dem Bett, mit Pantoffeln. Ich wusste, dass sie dort auch tagsüber oft lag um fern zu sehen oder zu lesen. Soweit war also alles im grünen Bereich, wenn man über die Pantoffeln hinwegsah.
Ihr Blick war aber so voller Staunen und wie der eines jungen Mädchens, als sie zu mir sagte: "Frau Susanne, ich glaube, ich habe gerade einen Schlaganfall." Sie wusste offensichtlich, wovon sie sprach. Sie war nie eine gewesen, der man was vormachen konnte. Ihre Sprache war ein wenig träger als sonst, und wie gesagt, der Blick war so weit weg, so wie aus einer anderen Welt. Aber ansonsten sah sie vollkommen normal aus.
Ich kniete mich neben sie und streichelte ihre Hand, ihren Arm. Der Feuerwehrmann hatte den Notarzt schon alarmiert. Wir warteten. Acht Minuten können eine Ewigkeit dauern, wenn jemand gerade einen Schlaganfall hat. Der Feuerwehrmann lief mit seinen schweren Stiefeln immer hin und her. Die Wohnungstür stand sperrangelweit auf und die kalte Luft kam herein, ungehindert. Die Wohnung meiner Nachbarin war plötzlich wie ein offener Raum, in den jeder eindringen und ihr beim Schlaganfall zuschauen konnte. Dass man so ungeschützt ist in einem solchen Moment und umgeben von all dieser Hilflosigkeit, ich dachte, dass das eigentlich nicht sein sollte. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist, konnte man nur hoffen, dass einen Profis umringten.
Ich kniete neben Frau Witting, meinen Rücken spürte ich immer noch nicht, aber man will so etwas nicht erleben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man so etwas auch so gut wie nie sehen oder erleben muss. Alles ist ein wenig antiseptisch und recht frrisch. Man sieht die Leute draußen, solange sie noch fit sind und selber einkaufen gehen können, dann verschwinden sie und keiner geht sie suchen. Manchmal sieht man jemanden mit einem Rollator, eine alte Dame, die schon sehr langsam vorankommt und offensichtlich Mühe hat, die Einkaufstasche selbst zu tragen. Man bietet Hilfe an, oder auch nicht (sie soll ja nicht fürchten, dass man ihr das Portemonnaie klauen will), weil man nicht weiß, wie es sich anfühlt, so langsam gehen zu müssen und kaum noch die Einkaufstasche mit einem Liter Milch und einem Brot darin tragen zu können ohne Mühe. Wenn man es wüsste, würde man vielleicht seine Hilfe ständig anbieten und dann käme man nicht mehr dazu, seine eigenen Sachen zu erledigen. Das Leben derer, die noch fit sind, zeichnet sich ja aus durch all die Sachen, die man ständig erledigen muss und die einem die Zeit wegfressen.
Solange man Dinge erledigt, im Stress ist, fühlt man sich dem Tod nicht sonderlich nahe. Dinge erledigen müssen, das ist unglaublich lebendig.
In den kurzen Momenten,  in den Zwischenzeiten, wo man mal nichts erledigt und ruhig in der Sauna sitzt oder bei einer Tasse Kaffee, in denen man darüber nachdenkt, träumt jeder von einem schnellen, schmerzfreien Tod, würdevoll. Aber ich sah Oma Witting an, während ich neben ihr kniete, und es dämmerte mir, dass die meisten Stück für Stück gehen werden, nicht mit einem wohl gesetzten Paukenschlag, würdevoll. Es wird gesabbert werden. Eines Tages könnte man einfach von der Bildfläche verschwinden,, in irgendein Pflegeheim, und Gott bewahre mich davor, mir die Zustände dort jetzt schon genauer vorstellen zu müssen, und ich lebe zwar noch, möglicherweise sogar lange, aber ich bin nicht mehr Teil dieser lebendigen Gesellschaft. Kein Mensch interessiert sich mehr dafür, was ich zu sagen habe. Dieses ganze Leben, das ich gelebt habe und in dem ich mich jahrzehntelang immens wichtig genommen habe, wird vollkommen belanglos sein. Kein Hahn kräht dann mehr danach und das letzte, was ich dann noch erwarten kann ist, dass mich jemand ernst nimmt, während er mich mit der Schnabeltasse füttert.
Älter werden ist für mich in den letzten ein bis zwei Jahren spürbar geworden, weil es plötzlich Momente gibt, in denen ich mich jemandem wie Oma Witting näher fühle als, sagen wir, jemandem in seinen Zwanzigern, der, genau wie ich damals auch, nur theoretisch begriffen hatte, dass auch er altern wird ohne schon ein Gefühl dafür zu haben, wie genau dies sein wird.
Ich kniete etwa eine halbe Stunde neben Oma Witting und redete mit ihr und streichelte sie, und dann wurde sie ins Krankenhaus transportiert. Bevor sie aus der Wohnung getragen wurde, bestand sie darauf, dass man ihr ihren Schlüssel einpackte. Ich verstand, dass er wie ein Pfand war. Mit diesem Schlüssel hatte sie das Gefühl in der Hand, dass sie wieder zurück kommen würde.
Der Schlaganfall hatte ihr Sprachzentrum betroffen. Als ich sie im Krankenhaus besuchte, war sie vollkommen klar, konnte mich aber teilweise nicht verstehen und fand auch die Worte nicht für das, was sie mir sagen wollte. Zum Beispiel zupfte sie sich immer wieder an den Haaren, und klagte: "Diese Bäume sind schrecklich." Ich schloss daraus, dass es sie abgründig nervte, dass sie nun seit Wochen im Krankenhaus lag und ihre Haare entsprechend aussahen. Sie war immer eine Frau gewesen, die auf ihr Äußeres wert legte. Es nervte sie total, dass sie nun da lag und niemand ihr dabei half, sich ordentlich zurecht zu machen.
"Ich komme wieder", sagte sie. Und das meinte sie auch. "Ich verstehe alles." Ich wusste manchmal nicht, ob ich sie darum beneidete. Ich bin ein Mensch, dem die Sprache so viel bedeutet. Die Vorstellung, ich könnte irgendwann nicht mehr in der Lage sein, das auszudrücken, was in mir vorgeht, weil ich die Worte nicht mehr finde, hat mich erschreckt. "Ich bin nicht dumm." Weiß ich doch, Oma Witting. "Ich komme wieder! Ich schaffe das!" Dabei reckte sie die Faust kampfbereit in die Luft.
Sie ist tatsächlich zurückgekehrt. Es hat sie sieben Wochen gekostet, wieder so zu Kräften zu kommen, dass sie  in ihre eigene Wohnung zurückziehen konnte. Sie braucht nun viel mehr Unterstützung als früher. Aber sie ist noch da. Und ich werde sie mir jetzt genau anschauen, ihren Weg hinaus aus diesem Leben. Man sieht alte und sehr kranke Menschen selten, auch nicht in Filmen. Dieser Tag, an dem ich den Film sah und sie dann den Schlaganfall hatte, es war, als sollte ich auf etwas aufmerksam gemacht werden. Auch du wirst sterben. Ich habe einen sehr guten Artikel zu genau diesem Thema in der New York Times gelesen. Er sei jedem empfohlen, der ein wenig Englisch kann.
Meine Großeltern hatten beide noch das Privileg, zuhause sterben zu dürfen. Ich denke, davon können die meisten in meiner Generation nur träumen. Wir räumten dafür das im Erdgeschoss gelegene Wohnzimmer unseres alten Hauses um und bauten ein Bett für sie darin auf. Mein Großvater war in dem gleichen Raum geboren, in dem er dann starb. Das hat mich immer besonders berührt. Ich frage mich, wie viele Menschen es gibt, die alt werden und in dem gleichen Raum sterben, in dem sie geboren wurden.
Als meine Großeltern starben, war ich Anfang zwanzig und Anfang dreißig. Obwohl ich bei beiden teilweise anwesend war, bezog ich das Geschehen damals in keinster Weise auf mich, so in dem Sinn: auch ich werde eines Tages sterben, schwach, pflegebedürftig werden. Aber ich kann mich noch gut an die Angst erinnern, die ich hatte. Ich hatte Angst, sie könnten in meinem Beisein sterben. Ich hatte Angst vor dem Tod.
Was ich nie vergessen werde, sind die Worte, die meine Großmutter an mich richtete, als ich sie zum letzten Mal lebendig sah. Ich lebte damals bereits in Berlin und konnte nicht so lange bleiben. Ich musste nach einigen Tagen wieder abreisen, obwohl ich wusste, dass ich sie nicht wiedersehen würde. Sie sagte: "Ich verstehs nicht, Kind, eben war ich noch beim Tanz und hab den Opa das erste Mal gesehen und jetzt soll schon alles vorbei sein?" Da wurde mir bewusst, nicht durch ihre Worte, sondern mehr noch durch diesen verwunderten Blick, den auch Oma Witting während ihres Schlaganfalls hatte, ein Blick, aus dem alle Berechnung, alle Abwehr verschwunden waren, dass mein Leben sehr schnell vergehen würde. Dass es klug wäre, es nicht zu verschwenden. Ich verstand auch, dass eigentlich jeder Tod ein Halt auf freier Strecke ist und irgendwie ungelegen kommt.

Ergänzung am 23.01.2013: Dieses Video über eine 96jährige namens Maia möchte ich diesem Text noch anfügen, immer seitdem ich es vor etwa einem Jahr gesehen habe, weiß ich, wie ich mir mein Alter wünsche. "My secret for a long life is simplicity, work and enjoyment."

Ergänzung 07.02.2013: Für alle, die diesen Text gelesen haben und wissen wollen, wie es Oma Witting geht: Sie ist immer noch zuhause. Gestern brauchte sie Hilfe beim Aufschrauben eines Milchkartons. Dann klingelt sie bei uns und holt uns rüber. Bruno, unser Kater, war schon wieder einmal unter ihrem Bett, in der Hoffnung, dass keiner es merkt und er dann Oma Wittings Katze Minka "behopsen" kann, wie Oma es ausdrückt. Sie brauchte auch Quark. Dazu fehlte ihr das Wort. Deshalb zeigte sie uns immer wieder Leinöl und sagte "Kartoffel Kartoffel", als wir hilflos drein blickten, sagte sie: "Ja esst ihr sowat denn nich?" Da verstanden wir, dass sie Quark meinte und haben ihn besorgt. Heute gabs bei ihr Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Sowat essen wir nicht so oft :-)

1 Kommentar:

  1. Ich bin ja quasi im Hintergrund dieser Geschichte mit dabei und ich finde deinen Text sehr sehr berührend und treffend. Ich habe Sie nicht so unmittelbar in diesem Zustand erlebt..aber ich kenne das schon von anderen Menschen und Zeiten...das hilfloseste und unschuldigste überhaupt ist das Gesicht des friedlich gestorbenen Menschen, diese Unschuld und dieses entrückte Staunen in Potenz... seit dem ist mir klar geworden das der Tod annehmbar ist..
    Danke für den Text Susanne..

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