Berlin

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Dienstag, 19. Februar 2013

Amazon

Ich kaufe bei Amazon - manchmal.
Sachen, die ich dringend brauche und auf diese Schnelle um Mitternacht nirgendwo sonst kriege. Das letzte war 2012 ein Eselskostüm für meine jüngere Tochter Lilly, in deren Kinderladen letztes Jahr das Motto "Bauernhof" ausgegeben wurde. Klar, es ist ein Waldorfkinderladen gewesen und logisch: wäre ich eine ordentliche Waldorfmutter, dann hätte ich das Kostüm selbst genäht. Darüber möchte ich aber hier jetzt nicht schreiben. Außerdem habe ich schon wirklich viele tolle Kostüme für meine andere Tochter genäht, nur keinen Esel, aber Ägypterin, Sternenfee, Hermine Granger (ach nein, das hatten wir bei C&A gekauft, aber nicht als Kostüm, sondern sehr kreativ zusammen gestellt, selber! in der Bekleidungsabteilung. Wie sind eigentlich die Arbeitsbedingungen der Leute bei C&A?)

Klar: man könnte sagen, dass ich zu einem Laden hätte gehen sollen, früh genug, wo es Eselskostüme zu kaufen gibt. Am besten einen kleinen Laden direkt um die Ecke, der Leuten gehört, die ich kenne und sehr gerne persönlich unterstützen möchte, handgenäht aus regional angebauter Biobaumwolle. Ist doch klar! Mach ich ja auch in, sagen wir, 85% der Fälle. Nein, ich möchte mich nicht lustig machen. Oder vielleicht doch. Ich streite mich auch nicht darüber, dass es am allerallerallerbesten gewesen wäre, wenn ich das Kostüm selbst genäht hätte, aus Biobaumwolle, erstanden auf dem Ökomarkt.
Ich kaufe tatsächlich alles, was irgendwie geht, am liebsten regional und Bio und von Leuten, die ich kenne. In Kreuzberg ist das noch nicht einmal so problematisch. Bei fast allen Dingen ist das möglich. Es fühlt sich viel besser an, wenn man sein Geld netten Menschen für Dinge gibt, die unter astreinen Bedingungen hergestellt wurden.
Trotzdem liebe ich die Tatsache, dass ich wenn es gar nicht anders geht und ich alle Gelegenheiten verpasst habe, ein Eselskostüm noch zeitnah zu besorgen, mitten in der Nacht mit ein paar Mausklicks dieses Problem lösen kann, das ansonsten zu einer wirklichen Familienkrise führen würde. Amazon ist ein Dienstleister und darin wirklich gut. Dass die Menschen, die dort arbeiten, es nicht alle zu guten Bedingungen tun, wundert mich  nicht so richtig. Alle reißen jetzt bitte mal  ihre Hände hoch, die deshalb wirklich aus allen Wolken fallen. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der alle Unternehmen, die derart wachsen, zwangsläufig nicht mehr so funktionieren, wie der kleine Laden um die Ecke. Sonst würden sie in diesem System nicht derart wachsen. Punkt. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf einen Blogpost von Katy Derbyshire, der im April 2012 erschien und den ich sehr gut finde.
Ich habe schon lange kein Buch mehr bei Amazon bestellt, das ich in meinem Lieblingsbuchladen Ebert und Weber bekommen kann. Ich benutze Amazon vorab gerne zum Recherchieren, aber dazu benutze ich jetzt auch manchmal Goodreads (wie sind da jetzt nochmal die Arbeitsbedingungen?). Allerdings, wenn ich abends plötzlich finde, ich müsste möglichst übermorgen Gedichte von e.e.cummings lesen, dann bestelle ich doch mal ein Buch bei Amazon, weil es ansonsten Wochen dauern könnte, bis ich es bekäme. (O.k. das würde mir ziemliche Summen an Geld sparen und ich bin diesbezüglich auch schon viel disziplinierter geworden, weil ich ein Buch, das erst in ein paar Wochen kommt, dann möglicherweise auch gar nicht mehr möchte, und ich sowieso schon an die 60 Bücher, die ich noch lesen muss, besitze). Ebert und Weber hat Gott sei Dank auch eine sehr gut sortierte Auswahl an englischen und amerikanischen Büchern, also dieser Fall, dass ich wirklich notfallmässig auf Amazon bei Büchern angewiesen wäre, tritt immer seltener ein.

Ich denke, die Sache mit Amazon ist tatsächlich ein weit reichendes Thema und umfasst nicht weniger als die Frage, in welcher Welt, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und sind wir bereit, dafür unsere Bequemlichkeiten einzuschränken, aufzugeben whatever. Wenn die Antwort auf diese Fragen lautet: wir wollen nicht in einer Welt, in einer Gesellschaft leben, in der Leiharbeiter von Amazon ausgebeutet werden können und wir wollen nichts tun, um das zu unterstützen, tja, dann hilft vermutlich nur Boykott und dann ist Amazon die Spitze des Eisbergs.
Allerdings drängt sich mir da auch manchmal, mit einem Gefühl der absoluten Überforderung der Gedanke auf, dass ich es in dieser komplexen Gesellschaft, in der ich mich wieder finde, nicht mehr schaffe, den Überblick zu behalten und nur Dinge zu tun, die absolut korrekt sind. Ich werde vermutlich mit dem Gedanken leben müssen, dass meine Kinder mich eines Tages entsetzt fragen "WAS, HALLO GEHTS NOCH!!!! DU HAST BEI AMAZON EINGEKAUFT? UND BEI ALDI AUCH?! UND DU BIST MIT DER BVG GEFAHREN???" Ich meine, die Entrüstung in ihren Stimmen schon zu hören. Denn die kenne ich  nur zu gut. Als ich mal beim Abendbrot ein alkoholfreies Bier trank, sagte meine große Tochter in genau diesem Ton zu ihrer Freundin: "Meine Mutter trinkt." Woraufhin diese sagte: "Ich weiß." Ich war kurz davor, mich freiwillig bei der Betty Ford Klinik zu melden. Also, das wird nicht lustig werden, wenn ich dann kleinlaut murmele: "Ja, aber ich habe Kik boykottiert und die meisten Sachen bei Ebert und Weber und im Grünäugig gekauft. Verdammt, ich habe Euch auf eine selbst verwaltete Waldorfschule (und ich möchte, und damit ist kein Vorwurf gemeint, hinzufügen: billig war die nicht, wir könnten jetzt auch ein eigenes Haus haben!!)  geschickt, ich habe nass gefilzt und mich Jahre meines Lebens auf Schulversammlungen herum getrieben und so oft es ging, auf dem Ökomarkt am Lausitzer Platz eingekauft, in der Markthalle gegessen (und eingekauft), ich meine, ich habe wirklich versucht, alles richtig zu machen, während ich nebenbei noch einen Job hatte."
Geht es nur mir so? Oder kennt das Gefühl jemand?

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