Berlin

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Samstag, 21. Juni 2014

Jean Paul Sartre

Mit der Hoffnunsgslosigkeit beginnt der wahre Optimismus.

Heute ist Jean Paul Sartres Geburtstag. Er hat mein Leben verändert. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich das so sage. Ich war fünfzehn Jahre alt und aufgewachsen in einer Familie, die bäuerliche Ursprünge hatte. Es gab in unserem Haus kein Buch außer dem Gebetsbuch der katholischen Gemeinde und die Kassenbücher der Raiffeisenbank. Beide Großväter verwalteten in ihren Dörfern deren Filialen.
Ich war eine der ersten, die aufs Gymnasium gehen durfte. Ich begann dort, Bücher zu lesen und ultimativ entfremdete mich dies meiner Familie, aber es brachte mich selbst in einer Weise nachhause, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Ich zog in Bücher geradezu ein. Ich las manche Bücher zwanzigmal hintereinander in Ermangelung eines neuen Buches, aber weil ich mich dort wohler fühlte als in meinem Leben. Ich suchte in Büchern nichts Neues, ich suchte einfach dieses Gefühl, mich vollkommen aus dem Chaos meiner Gefühle und meiner Familie zurückziehen und in eine andere Realität einziehen zu können.Bücher dienten mir zur Flucht aus meiner Realität, in welcher die Frage: warum bin gerade ich in dieser Familie gelandet? mein Hirn doch des öfteren beschäftigte....
.... bis ich fünfzehn war, da wählte ich auf dem Gymnasium den Philosophiekurs bei Frau Baltes. Sie startete ihn mit Sartre. Ich hatte den Namen bis dato natürlich nie gehört. Ich war auch noch nie in Paris gewesen und im Grunde, lassen wir uns ehrlich sein, war ich mir nicht wirklich sicher, wo Frankreich lag. Im Grunde hatte ich den Philosophiekurs hauptsächlich gewählt, weil Lothar, in den ich unsterblich verknallt war, ihn gewählt hatte und weil meine Familie mich kompliziert und andersartig fand. "Du denkst zuviel." Das schienen mir beides gute Voraussetzungen für einen Philosophiekurs zu sein.
Wir lasen einen Essay, der hieß: Ist der Existentialismus ein Humanismus? Ich habe das Buch noch heute, mit den Unterstreichungen, die ich als Teenager emsig einfügte, in verschiedenen Farben. Auch von mir eingefügte rote Ausrufezeichen finden sich viele in dem Text. Das seelische, das total innerliche Wiedererkennen, das ich erlebt habe, spricht aus diesen roten Ausrufezeichen noch heute und berührt mich ganz seltsam. Da war ein Erwachen, ganz deutlcih.  Der Mensch ist wozu er sich macht. Einer der Sätze in dem Essay, die mich geradezu vom Stuhl hauten. Denn bis dahin war ich in dem Glauben aufgewachsen, dass es mich bereits so gab, wie ich für immer sein würde (also mehr oder weniger, ich konnte mir natürlich die Haare färben oder nach Quettingen umziehen, aber das wars auch schon an möglichen Veränderungsfreiräumen, mehr oder weniger), und dass ich wenig Wahlfreiheit besaß, irgendetwas an mir oder auch meinen Umständen groß zu ändern (o.k., sehnsüchtig wartete ich auf den Tag, an dem ich endlich von zuhause würde ausziehen können, also, ich ging davon aus, gewisse äußere Umstände doch verändern und damit eine Verbesserung meiner Situation herbei führen zu können, aber das blieb diffus, meine gesamte Familie mütterlicherseits wohnte mehr oder weniger im Umkreis von einem Block, das Konzept. freie Entfaltung hatte in meinem Leben gewisse überschaubare Grenzen und sich die Zehennägel zu lackieren war in diesem Block schon ein Akt von Anarchie), aber Sartre war der erste, durch den ich verstand, dass ich frei war und dass das, was ich von mir dachte, zu vermutlich circa 100 Prozent bewirkte, wer ich war. Ich verstand, dass Freiheit nicht darin bestand, sonntags Wäsche aufzuhängen, wenn alle anderen das unkatholisch fanden, sondern dass es ein lautes Klick in meinem Hirn war. Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Ich weiß noch, wie dieser Satz und alle sich daran anknüpfenden Gedanken mich in vollkommene Euphorie versetzten. Ich hätte vom Stuhl aufspringen können. Ich hätte Frau Baltes küssen können. Ich verstand mit einemmal, dass ich absolut frei war, ja, ich war geradezu dazu verurteilt, daran ließ sich im Grunde gar nicht rütteln. Ich würde mir, egal, wie verrückt mein Zuhause war, zwangsläufig die totale Freiheit, mein Leben  so zu leben, wie ich es wollte heraus nehmen (Wäsche am Sonntag aufhängen, Zehennägel lackieren, noch weiter als Quettingen weg ziehen) - oder es zu beenden. Auch dieser Gedanke tauchte in dem Essay auf (oder in den Dikussionen im Kurs, egal). Auf die Gefahr hin, für morbide gehalten zu werden, erfüllte auch er mich mit Euphorie: Ich war absolut  frei, es oblag komplett meiner Entscheidung, ob und wie ich lebte.
Der Kurs war irgendwann zuende. Ich bekam nur eine 3. Frau Baltes hat nicht kapiert, was sie in mir bewegt hat. Und im Grunde war es ja auch nicht sie. Es war Sartre. Vermutlich, ich war schüchtern, habe ich den Quantensprung auch in keinster Weise nach außen dringen lassen, der in meinem Inneren stattfand. Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass diese 3 mich kränkte, vor allem, weil Lothar eine 1 bekam und wir uns immer gleichzeitig zu Wort gemeldet hatten.
Sartre begleitete mein Leben und Denken noch eine ganze Zeitlang. Denn inspiriert durch ihn und konsequenterweise auch durch Simone de Beauvoir entschied ich mich, Philosophie zu studieren, zog nach Bonn, später nach Köln, nach Amerika, nach Berlin, reiste, suchte, eroberte. Viele meiner Bekannten und Freunde schlugen damals die Hände über dem Kopf zusammen, weil ich nichts ordentliches studierte, etwas, womit ich später auch einen Beruf ausüben konnte und mir die Rente sicher war (ja, tatsächlich, schon damals führten wir solche Gespräche und ich bin bis heute froh, dass ich nicht der Rente sondern meiner Leidenschaft gefolgt bin "do what you love and it leads you where you need to go" das ist von Natalie Goldberg, welche auf meinem Weg eine der Nachfolgerinnen von Sartre wurde). Aber ich war in meinem Studium glücklich. Folgerichtig schrieb ich meine Magisterarbeit unter anderen über Sartre und seinen Ekel. Auch las ich während meines Studiums alles, was ich von ihm und der de Beauvoir und Camus in die Finger bekommen konnte.
Er war sehr eindeutig und ausschließlich der Ausgangspunkt für meinen eigenen Weg, den ich mit fünfzehn antrat, genau in dem Moment, als ich verstand, dass ich frei war und es für mich keine Vorherbestimmung gab.Dieser Weg führte mich über diverse Zwischenstationen auch zu Buddhismus und Yoga. Und wie das sein kann, dass aus Sartre der Dalai Lama und die Krähe entstehen, das erzähle ich eventuell ein andermal.
Heute ist Sartres Geburtstag. Er ist am 21. Juni 1905 geboren. 109 Jahre wäre er alt. Bis heute habe ich das Bedürfnis, mich vor ihm zu verneigen und ihm Dank zu sagen für alles, das er für mich getan hat, für seinen wilden Mut, zu denken und zu hinterfragen - einer der ganz Großen, weil er uns anderen gestattet, alles in Frage zu stellen.  RIP and Happy Birthday!

ein paar Lesetipps:





© Susanne Becker 

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