Berlin

Berlin

Samstag, 8. März 2014

Svenja Leiber - Das letzte Land

"Ich selbst habe immer geglaubt, ohne die Musik, ohne die ganz große Musik könne ich nicht existieren. Ich habe dafür alles hergegeben. Aber vielleicht hätte ich einfach nur leben sollen, wie die anderen auch."

Trailer zum Buch: Svenja Leiber »Das letzte Land« (Buchtrailer) - Suhrkamp Insel Mediathek Mediatheksdetail

perfekter 1. Tag 2014 im Garten: Quitte wieder
aufgerichtet, Feuer gemacht, Leiber gelesen!
"Wo hat er solche Töne her?" fragen sich die Leute aus seinem Dorf, wenn Ruven Preuk, der Töne als Farben sieht, auf seiner Geige spielt. Er ist ein begnadeter Geiger, alle sehen das so, auch wenn in seinem Dorf die meisten kein Verständnis dafür haben. Ihm eine große Karriere vorauszusagen, scheint nicht vermessen.
Während der Lektüre von Das letzte Land ging mir die Frage nach den Tönen häufig durch den Kopf und ich fragte mich auch: "Wo hat Svenja Leiber solche Töne her?", dass sie mit einer solch eigenen Sprache, mit  einer solch eigenen Sicht auf etwas, das schon tausendfach gesehen und in Worte gefasst wurde, daher kommen kann? Eine eigene Welt erschafft sie mit dieser eigenen Sprache, in der einem dennoch alles sehr vertraut ist. Sie erzählt zwar eine neue Geschichte, aber vor dem Hintergrund einer sehr bekannten Geschichte, und irgendwie wurde all das noch niemals so gesehen.
Wie der geniale Geiger Ruven Preuk durch das zwanzigste Jahrhundert hindurch lebt, geboren irgendwann am Anfang desselben: Zunächst schenkt ihm ein jährlich durchs Dorf kommender Musiker seine Geige, weil er sein Talent erkennt. Er hat, trotz wenig Geld, mehrere sehr gute Geigenlehrer, die ihn unterrichten, weil sie an ihn glauben. Unter anderem ist da Goldbaum, dessen Enkelin Rahel häufig daneben sitzt beim Unterricht und in die Ruven sich verliebt, ja, die er eigentlich sein Leben lang liebt. Diese unerfüllte Liebe ist für mich einer der Schlüssel zum Verständnis Ruvens.
Heiraten tut er schlussendlich Lene aus seinem Dorf, die er auch liebt, vielleicht nicht ganz so sehr wie die Rahel, aber aus gutem Hause kommend, ist und bleibt diese Rahel für ihn unerreichbar. Lene nicht.
Das letzte LandEr zieht vom Dorf nach Hamburg, wohin er Lene nach der Hochzeit mit nimmt und sie bekommen nach vier Jahren ein Töchterchen und dann gibt es Krieg und die Jahre 1939-1945 klingen bei Svenja Leiber so: "Sechs Jahre Abfackelei. Die ganze alte hölzerne Zeit wird verbrannt. Und was da mit einem Geiger und seinen Ohren und auch mit sonst allen passiert. Wieviele Geiger da von der Bildfläche gewischt werden, Musiker überhaupt und Musiken, Millionen Musiken, die vorher überall waren, in den Zimmern, auf den Wegen und bei den Bohnenhecken. Kein Tun ohne ein Lied, kein Holzsägen, kein Herdanzünden ohne eine Stimme. Also eine ganze Lebensform. Nicht nur im Schtetl, sondern überhaupt. Und dann plötzlich nichts mehr. Plötzlich ist alles wie abgerissen." Diese Sätze in ihrer berauschenden Knappheit tun einen unglaublichen Raum auf, in dem der ganze Holocaust sich zeigt und die Leere, die ihm folgte. Das ist für mich Svenja Leibers Kunst, dass sie Szenarien erschafft, die in unserem Inneren Kontur annehmen und dafür nicht Worte über Worte aufs Papier wirft, sondern zu einer einmaligen Knappheit fähig ist. Vielleicht nennen viele ihre Sprache deshalb lyrisch. Diese Eigenart von ihr fiel mir schon beim Vorgänger Schipino auf. Auch dort werden Menschen, eine Welt, eine unglaublich große Geschichte mit äußerster Knappheit präsentiert. Sie überlässt so dem Leser einen großen Freiraum, in dem er sich vieles denken und ausmalen kann. Sie ist keine von denen,die sich selbst gerne reden hören. Sie schwafelt den Leser nicht voll, begeistert von ihrer eigenen Wortgewandtheit. Nein, sie entwirft ein Bild mit feinen Strichen, eine Welt mit drei Worten, eine ganze Geschichte, eine Person, mit gezielten, perfekt sitzenden Andeutungen.
Gestern war ich auf der Premiere ihres Buchs in der Autorenbuchhandlung in Berlin (übrigens eine wunderbare Buchhandlung mit einem Sortiment, das mich dazu bringen könnte, mein gesamtes Geld zu verprassen, wenn ich nicht so unglaublich diszipliniert wäre) und stellte fest: Svenja Leiber ist auch in Wirklichkeit so knapp und klar. Während die sie vorstellenden und befragenden Männer aus dem Reden gar nicht mehr heraus kamen, Fragen stellten, die dreimal länger waren als jede mögliche Antwort, blieb Svenja Leiber knapp, klar und sehr klug. Was mich am meisten beeindruckte war als sie sagte, dass dieses Buch für sie ein Stück weit den Raum abschreitet, aus dem sie selber kommt. Nicht umsonst habe sie es 1975 enden lassen (sie ist in diesem Jahr geboren). Sofort sah ich diesen Raum vor mir, der aus Menschen besteht, aus Tragödien, aus einem Holocaust, aus Farben, Tönen und Toden und Geburten und Liebe und allem, und aus dem wir alle kommen.

Als Ruven im Krieg ist und Lene allein in Hamburg lebt, mit Marie, versteckt ihre Vermieterin, mit Lenes Einverständnis, zwei Juden oben auf ihrem Dachboden. Es handelt sich um Rahel Goldbaum und ihren kranken Vater. Lene hat keine Ahnung, wer die beiden sind und dass sie Ruven kennen. Sie hat noch nicht einmal eine Ahnung, dass Ruven eine andere Frau lieben könnte. Ein weiteres Charakteristikum von Ruven: auch wenn er liebt, gibt er nicht viel, schon gar nicht sich, denn seine ganze Hingabe, seine ganze Leidenschaft, sein Leben widmet er der Musik. Und scheitert dabei so grandios, so am Rande von Erfolg und Bedeutung, so mittelmäßig wie zwei weitere Romanhelden, die ich kürzlich traf Alma Whittaker und Stoner. Vielleicht ist es nur meine persönliche Einschätzung, aber für mich ist Ruven ein Seelenbruder dieser beiden.

Als Fritz Dordel, mittlerweile bei der Gestapo und ein alter Dorfbekannter von Lene und Ruven (Ruven hat ihn einmal fälschlich bezichtigt, sein Messer gestohlen zu haben) immer schon scharf auf Lene, immer schon neidisch auf Ruven, eine Ahnung davon bekommt, dass bei Lene etwas zu holen sein könnte, holt er es sich. Lene bekommt einen Sohn von ihm und stirbt gleich nach der Geburt, weil sie es vorzieht, tot zu sein, wenn sie sonst mit Fritz sein müsste.  Ruven kehrt aus dem Krieg zurück und erfährt, dass Lene tot ist, er einen Sohn hat, der nicht sein Sohn sein kann und Rahel lebt, aber dann wird ihm weis gemacht, sie sei tot.
Die Geschichte, die bis dahin einigermaßen ruhig dahin floss, nimmt plötzlich, mit dem Wiederauftauchen von Rahel, mit dem Sterben von Lene, eine Fahrt auf, dass einem die Haare aus dem Gesicht fliegen und ich habe, was ich selten tue, die halbe Nacht durch gelesen, weil ich wissen musste, wie die Geschichte weitergeht und wie Svenja Leiber sie erzählen würde. Würde sie es auch angesichts der größten aller großen Gefühle schaffen, nicht pathetisch, nicht peinlich zu werden? Ja, sie schaffte es und sie überraschte einmal mehr. Denn ab diesem Punkt handelt die Geschichte auf einmal weniger von Ruven, als von seiner Tochter Marie. Ruven ist so unterschwellig in der Geschichte, wie er in seinem ganzen eigenen Leben plötzlich nur noch unterschwellig anwesend zu sein scheint, ein Gebrochener, der sein Leben nicht mehr wirklich ergreift. Der Musik, der Kunst, hat er sein Leben gewidmet, aber sie erhört ihn nicht so, wie er es sich immer, mit gutem Grund, erträumt hatte. Die Liebe zu Menschen hat er nie wirklich gelebt, die Musik lässt ihn ein wenig am ausgestreckten Arm verhungern. Da wird er zu einer Schattenfigur, die lebt, was nicht seins ist, mit einer Frau, die keine Liebe in sich hat. Trifft man nicht eigentlich viele solcher Ruvens?
lesen im Garten, bis die Sonne untergeht
Die Tochter aber, von ihm vernachlässigt, in einem Heim nicht gut behandelt, agiert dann alles aus, was an Leben da ist und sie findet ein Glück, eine Liebe, während Ruven all das nicht findet. Somit ist Marie wie Ruvens Kehrseite und folgerichtig nimmt sie ihn irgendwann zu sich auf und folgerichtig wird dann dort, bei seiner Rückkehr aufs Land, die ganze Geschichte von Svenja Leiber aufgelöst. Die letzten etwa zwölf Seiten enthalten die ganze, die perfekte Auflösung und wie von ihr nicht anders zu erwarten, kann es natürlich kein Happy End geben. Ich fand diese letzten Seiten so wunderschön und bewegend, ich habe immer eine gelesen und dann das Buch beiseite gelegt, um sie in mir nachklingen zu lassen. Und bevor ichs mich versah, war das Buch leider doch beendet und die Sonne im Garten ging unter und ich saß noch eine Weile auf meiner Terrasse in der kühlen Uckermarkluft und lächelte vor mich hin. Denn nur selten liest man ein solches Buch, ein großes Buch. Es kommt sofort auf die Liste meiner absoluten Lieblingsbücher. Svenja Leiber ist, in meiner persönlichen Einschätzung, neben Terézia Mora die klügste Schriftstellerin, die wir gerade in Deutschland haben. Also fände ich es folgerichtig, wenn sie in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewänne. Achtung Suhrkamp Verlag, Sie wissen es bestimmt, weil Sie sehr gut informiert sind, aber vorsichtshalber erwähne ich es lieber nochmal: die Ausschreibung läuft noch bis 28. März!

© Susanne Becker

P.S. An dieser Stelle möchte ich herzlich dem Suhrkamp Verlag danken, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar dieses wunderbaren Buches hat zukommen lassen!

P.P.S. Ich muss noch erwähnen, weil es die Wahrheit sonst unlauter verfälscht, dass der Interviewer von der Autorenbuchhandlung, Christian Dunker, zwar wirklich lange Fragen stellte, aber witzig war, sehr sogar. Vielleicht kann er mal einen Abend ganz allein gestalten? Meine Lieblingsbuchhändlerin, die neben mir saß und ich, haben sehr gelacht, auch Tage später noch. Er hat Humor und seine Fragen waren, wenn auch, hatte ich das schon erwähnt, lang, durchaus klug! Also Fazit: Ich werde ab jetzt öfter zu den Lesungen der Autorenbuchhandlung gehen. Es lohnt sich!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen