Berlin

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Samstag, 10. November 2012

Garten






Ich liebe das Leben der Bienen, der Igel, der Kirschbäume. Pfirsichblüten neben der Terrasse. Marmelade in sauberen, ausgekochten Gläsern mit hübschen, selbst beschrifteten Etiketten. Rhabarberpfannkuchen im Sonnenschein auf der Terrasse zum Frühstück. Es gibt nichts schöneres, als für das Frühstück zu ernten, noch im Schlafanzug, von der Terrasse zu hüpfen ins taufeuchte Gras und Beeren zu sammeln, sie ins Müsli zu streuen.
In der Nacht singt die Nachtigall in unserem Kirschbaum. Er blüht. In der Nacht unterhalten sich die Igel unter unserem geöffneten Fenster und lange liegen wir wach, wir Stadtmenschen, die die Natur nicht kennen und denken, das Schnaufen, das laute Atmen stamme von einem größeren Tier oder gar einem Menschen, der um unser Haus schleicht. 
Schwimmen im einen oder anderen See. Nahe liegen soviele dass die Wahl schwer fällt. Wir haben Fahrräder im Schuppen, immer griffbereit, eine Hängemattte zwischen einem Apfel- und einem Kirschbaum. Wir radeln zu einem der Seen und ruhen uns in der Hängematte aus - hinterher. Beim Mittagessen am Tisch in der Wiese, im Schatten unter dem Kirschbaum, in dem nachts die Nachtigall singt, man fühlt sich plötzlich seltsam beobachtet beim Kauen und Schlucken. Man schaut auf und in die Augen eines neugierigen Rehs, das seinen Kopf hinter der Hütte hervorstreckt und beobachtet, fragend, als wolle es wissen, was wir in seinem Garten zu suchen haben. Als es sieht, dass wir es bemerkt haben, verschwindet der Kopf und wir sehen noch, wie das Reh mit einem Satz über unseren taillenhohen Zaun davonsetzt. Eleganz. Ich erkenne seine Fußspuren - es sind die gleichen wie vor meinen abgeknabberten neu gepflanzten Himbeersträuchern.
In den größten Kirschbaum klettern und in einer der obersten Astgabeln es sich gemütlich machen, lesen.
Mit dem Spaten die Erde umschichten, Regenwürmer möglichst nicht verletzen. Kürbisse und Zucchinis säen, Erdbeeren und Himbeeren pflanzen, sich am gelb von Forsythien und Löwenzahn nicht satt sehen können. Rasen mähen will man nicht. Der bequemste Liegestuhl der Welt auf der Wiese und ich liege darauf, in der Sonne halb (die Beine) und halb im Schatten (der Kopf) und lese "Krieg und Frieden" von Tolstoi. Man kann Tolstoi im Garten lesen, die ganzen dicken Bücher von ihm, aber auch Arno Geiger oder Lily Brett oder...die Zeitung oder gar nichts. Manchmal liege ich einfach still, starre in die grünen Blätter vor dem tiefblauen Himmel und lese in meinem eigenen Inneren. Ich lausche dem Summen der Insekten, was bereits eine großartige Leistung ist, denn wer nimmt es schon wahr, dieses lebendige Summen, im beschleunigten Alltag einer Normalität, die das was ist, einfach so, nicht mehr wahrnehmen kann, weil alles viel schneller ist als dieses Summen, als die Nachtigall, als der Igel, der sich unter unserem Fenster eine halbe Nacht lang mit seiner Igelin unterhält. Ich spüre den Sonnenschein auf der Haut.
Manchmal grabe ich stundenlang und harke und gieße und buddele in der Erde und meine Arme sind zerkratzt von den Dornen an den Rosensträuchern unter denen ich das Unkraut entfernte und meine Fingernägel sind schwarz von Erde, genau wie die Falten in den Innenflächen meiner Hände und mein Sinn für dieses Leben ist voller Ehrfurcht. Das ist normalerweise nicht möglich. Im Alltag ist kein Raum für Ehrfurcht. Er ist so schnell. Er ist so voll. Wir werden darin zu schnell und verlieren den Verstand.

5.1.2013: Gerade habe ich diesen Text nochmal auf Facebook gepostet, weil ich es zu schade fand, wenn ihn niemand sieht und prompt finde ich zehn Minuten später dies "...try it for yourself. all about presence in the moment. SLOW down. become the balance. :)"

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