Berlin

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Freitag, 30. November 2012

Warum ich mein Leben schreibend verbringe


“Ich schreibe, weil da
eine Stimme in mir ist
die nicht still sein will.“
      Sylvia Plath, “You Ask Me Why I Spend My Life Writing”

Warum ich schreibe, steht im Grunde vollkommener ausgedrückt als ich es je sagen könnte in diesem Zitat einer Autorin, die ich bewundert habe, als ich noch jung war, die mir immer noch etwas bedeutet.
JETZT drückt es meine Befindlichkeit dem Schreiben gegenüber aus. Aber das war nicht immer so. Der Weg zu dieser Erkenntnis war lang und manchmal ein wenig mühsam. Das haben Wege ja so an sich.
      Ich begann zu schreiben als ich 12 Jahre alt war. Ich tat es, um meinem unglücklichen Zuhause zu entfliehen. Es öffnete einen Raum für mich, in dem ich eine andere sein konnte. Ich begann also zu schreiben, weil ich eine Autorin, eine Schriftstellerin sein wollte, und das war im Grunde jemand oder vielleicht sogar etwas, mit dem niemand in meiner Familie von Arbeitern, Alkoholikern, Hausfrauen und Bauern jemals in Berührung gekommen war. Schriftsteller waren eventuell nicht einmal Menschen, aber wenn sie es doch waren, dann lebten sie sehr weit weg von unserem Zuhause und suhlten sich in einem faulen und wertlosen Lebensstil. Ich liebte das und wollte genau das auch tun.
      Es gab kein Buch in unserem Zuhause außer denjenigen, die ich zu kaufen begann von meinem Taschengeld. Ich gab mein ganzes Taschengeld für Bücher aus. Ich verbrachte jeden Nachmittag in dem Bücherladen in der Nähe meiner Schule. Das erste Buch, das ich mir kaufte, war Anne Franks Tagebuch. Es gehört auf die Liste jener Bücher, die alle lesen sollten, bevor sie sterben. Ihr Schreiben berührte mich so sehr, dass ich mein eigenes Tagebuch begann, nachdem ich ihres gelesen hatte. Viele Jahre lang begann ich jeden Eintrag darin mit „Liebe Anne“, so wie sie die ihren mit „Liebe Kitty“ begonnen hatte. In meiner Vorstellung war Anne Frank meine Seelenverwandte, meine beste Freundin, die Person, der ich alles mitteilen konnte, meine Sehnsüchte, meine Klagen. Ich begann zu schreiben, um zu fliehen und auch um jemand zu werden der möglichst weit entfernt von meinem Zuhause war.  Während ich immer noch in meiner Kindheit gefangen war, und das sollte auch für die nächsten etwa sieben Jahre so bleiben, mutierte ich allabendlich an meinem kleinen Schreibtisch in meinem winzigen Zimmer mit der braunen Blümchentapete in eine berühmte und sehr kluge Person. Es zeigte sich mir sehr schnell, dass ich es liebte, an einem Schreibtisch zu sitzen und dass mich Bücher, Notizbücher, Stifte regelrecht süchtig machten. Ich kann mich besoffen schnüffeln an dem Duft einer Buchhandlung, wobei amerikanische Buchhandlungen anders riechen als deutsche. Manchmal bestelle ich mir ein Buch bei Amazon aus Amerika und rieche daran, bis ich Sternchen sehe.
      Ich verbrachte in der Oberstufe dann sehr viel Zeit in der Schulbibliothek, lesend, und schreibend über das, was ich las und ich entschied dort, dass ich Philosophie studieren würde um noch mehr lesen und schreiben zu können. In meinen Träumen lebte ich in den 60er Jahren, zog nach Paris und wurde eine enge Freundin von Camus, Sartre und de Beauvoir. Ich bin wirklich kein Freund von Laptops oder Computern, obwohl ich sie jetzt benutze. Sie sind praktisch. Besonders, wenn man viel schreibt. Aber im Grunde liebe ich Papier, Stifte, gebundene leere Bücher, die ich füllen kann. Ich hatte den Traum, veröffentlicht zu werden, berühmt zu werden, reich sogar. Ich wollte wie Simone de Beauvoir, wie Ingeborg Bachmann sein, ich wollte wie ein Bohème leben und bis ich fünfundzwanzig Jahre alt war, fand ich die Vorstellung noch nicht einmal schlimm, mich umzubringen oder in meinem eigenen Bett zu verbrennen, gerne in Rom, weil meine Zigarette aufs Kissen fällt, Feuer fängt und ich zu betrunken bin, um es früh genug zu bemerken, bis ich tot bin, da merke ich es vielleicht, aber es macht nichts mehr. Die Idee berühmt zu werden wegen eines berühmten Todes machte mir nichts aus, im Gegenteil. Ich war total verliebt in das Bild der weiblichen, verzweifelten Poetin, ich trank ihre Biografien, Sylvia Plath, Anne Sexton….Ich war bereit, tief in die Materie der menschlichten Traurigkeit einzutauchen und darüber zu schreiben. Ich glaube, ich änderte meine Meinung über das tragische Sterben, als ich beinahe dreissig war. Ich meine, ich habe nie wirklich etwas getan, das mich in Gefahr gebracht hätte außer zu viel zu rauchen und ein bisschen  zu viel zu trinken. Es war mehr die Idee eines tragischen Lebens, die mich ansprach, nicht es wirklich zu leben. Ich war niemals der Typ für Stress und Leiden. Ich überlebte also total unbeschädigt und hatte dann meine erste Begegnung mit dem Buddhismus, was ebenfalls letztlich durch das Schreiben geschah. Ich fand in einer Buchhandlung ein Buch von Natalie Goldberg über Schreiben und Buddhismus. An dem Tag, an dem ich begann es zu lesen, begann ich auch zu meditieren. Ich tat es auf Anne-Maries Sofa in Richmond und ich saß absolut unbequem und wackelig auf ihrem Sofakissen, aber ich hörte dort sofort und auf der Stelle meine eigene Stimme. Ich meine, ich hörte meine eigene Stimme zum ersten Mal wirklich, während ich dort saß, mit dem Kissen kämpfte, welches viel zu weich war, um darauf zu sitzen.
Von da an saß ich oft, und ich lauschte dem dummen Gerede meiner eigenen Stimme und ich entschied, dass ich auf keinen Fall ein tragisches Leben wollte, sondern glücklich und zufrieden sein wollte. Ich hörte auf zu schreiben, für eine Weile. Ich schrieb allerdings weiter Tagebuch, das immer. Ich füllte bis heute einhundertsechsundvierzig Bände and werde sie vermutlich bald zerstören, bevor meine Töchter sie finden und erkennen, dass ich doch nicht so interessant, so tief und so klug  bin wie ich möchte, dass sie glauben, dass ich es bin. Natürlich wissen sie das sowieso längst, aber die Idee, dass sie all dieses dumme Zeug lesen und Beweise für meine Fehler und Schwächen finden, lässt mich von Kopf bis Fuß erröten.
Nach Jahren des Tagebuchschreibens kam es zurück, das Schreiben in anderer Form, in allen möglichen Formen, und es wurde mehr und mehr eine Synchronübersetzung meiner inneren Stimme. Je mehr ich meditierte, desto mehr lauschte ich dieser Stimme und umso mehr hatte ich zu schreiben. Ich glaube, dass Meditation nicht dazu da ist, unsere innere Stimme zum Schweigen zu bringen, dass glaubte ich früher fälschlicherweise, ich glaubte, irgendwann würde es still werden da oben und dann hätte ich es geschafft. Jetzt glaube ich, dass ich meditiere, um die Stimme klar und deutlich zu hören. Sie erzählt mir alles, was ich wissen muss über das Leben.

Kommentare:

  1. Danke für Deine Offenheit. Noch ein bischen viel "November". Wie ist es heute?
    herzliche Grüße Anna N.

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  2. früher Oktober - stürmisch, gefühlsmäßig warte ich auf herunterfallendes Laub :-) aber es ist o.k., die sonne scheint. Danke für Dein Feedback, Anna! LG

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